MARK VAN HUISSELING über...

PATRICIA GUCCI

Die Tochter von Aldo, der das Lederwaren- und Modehaus gross und wichtig gemacht hat, über ihren und italienischen Stil.

Patricia Gucci Artikel
«Grossartige Auftritte»: Nachfahrin und Buchautorin Gucci (Bild: Tanja Demarmels).

Patricia Gucci ist die Tochter von Aldo Gucci und Bruna Palombo; diese arbeitete in den sechziger Jahren im Gucci-Geschäft in Rom als Sekretärin von Aldo, dem Chef des Lederwaren- und Modeunternehmens. Der Altersunterschied zwischen Aldo und Bruna betrug fast dreissig Jahre, und er war seit vielen Jahren mit Olwen Price verheiratet, einer Britin, die er als junger Mann im Gucci- Laden in Florenz kennengelernt hatte. Vergangenes Jahr erschien Patricias Lebensgeschichte «In Guccis Namen» (Orell-Füssli-Verlag). Sie wuchs in London auf, hat drei Töchter und wohnt heute in Genf; ihre Mutter lebt in Rom, der Vater ist 1990 gestorben. In seinem Nachruf in der New York Times sind weder Bruna Palombo noch Patricia erwähnt worden.


Gibt es einen italienischen Stil?
Als ich jünger war, gab es den Look der italienischen Frau. Man erkannte sie auf den ersten Blick, zum Beispiel an ihrer wundervollen Handtasche oder den schicken Schuhen. Heute ist alles generischer, viele Frauen sehen gleich aus. Das heisst, allenfalls Französinnen fallen noch positiv auf. Aber Italienerinnen... Sie sind mit Sicherheit nicht mehr so elegant. Vielleicht ist das eine Folge des Bedürfnisses, es bequem zu haben, oder es zeigt sich darin der Einfluss der Amerikanerinnen. Auf jeden Fall kommen heute die meisten Frauen ähnlich daher, und ich kann wenig Eleganz oder Qualitätsbewusstsein erkennen. Klar, in Mailand stösst man auf Modepuppen, das pflegen einige Italienerinnen noch, aber ich spreche vom grossen Ganzen – da ist der Auftritt ein wenig trashy.

Ist kein Platz mehr für italienischen Stil in der globalisierten Welt?
Nun, nehmen wir die Mode, die Gucci im Augenblick anbietet – da kann ich nichts Italienisches erkennen. Die Kollektion ist ein wenig crazy, vielleicht ist es das, was auf dem japanischen und chinesischen Markt nachfragt wird... Bei Ferragamo, finde ich, gibt es mehr Anleihen an die Tradition und den klassischen italienischen Stil, aber das ist eher die Ausnahme. Die anderen gehen in die Richtung, in die Gucci geht, die Marke hat ja Erfolg. Fashion, so sieht es aus, hat den italienischen Stil verdrängt.

Wie entstand der italienische Stil?
Wir hatten eine Königsfamilie. Genauso wie die Franzosen. Die Deutschen hatten zwar auch eine, und die Briten haben ihre immer noch, aber das sind andere Königsfamilien. Die italienischen und vor allem die französischen Royals liebten Mode und legten Wert auf grossartige Auftritte. Man muss sagen, dass die Franzosen viel gelernt haben von Caterina de’ Medici (französische Königin aus Italien) – vor ihr ass niemand in Frankreich mit Messer und Gabel, und Parfüms kannte man nicht –, also kann man den Einfluss Italiens auf die Couture und, später, die Mode noch höher gewichten. Die Italiener wiederum erfanden den Alltags-Schick, sie haben die Mode dekonstruiert und für die Masse tragbar gemacht.

Ist es eine Voraussetzung, um die schönen Dinge im Leben zu meistern, dass man nicht detailversessen ist? Das Beispiel der Deutschen, die die besten Autos bauen, aber nicht die bestaussehenden...
Ich bin nicht einverstanden, dass sich die Italiener weniger um Details kümmern und deshalb die Qualität vernachlässigen. Wir haben eine lange Handwerks- und Kunsthandwerkstradition. «Made in Italy» steht auch für Präzision und Wertigkeit, nicht nur für gutes Design. Bei dem wir, nebenbei, Weltspitze sind, in meinen Augen. Einzig, die Italiener haben ihr eigenes, langsameres Tempo. Das hat damit zu tun, dass es ermüdend ist, in Italien zu leben – finden Sie mal einen Spengler, der zur vereinbarten Zeit vorbeikommt ... Und falls es aussieht, als lebten wir ein einfaches, süsses Leben – das ist, worin wir gut sind: Schwieriges leicht scheinen zu lassen. Es gibt im Italienischen sogar ein Wort dafür: «sprezzatura».

Beschreiben Sie Ihren Stil.
Ach, ich habe mich oft verändert in meinem Leben... Ich folge nicht der Mode, ich mag das Stilmittel der Überraschung. Ich betreibe einen gewissen Aufwand dafür, wie ich aussehe, Sicherheit ist nicht mein Ding. Aber natürlich übertreibe ich nicht mehr, das wäre albern. Das Wichtigste heute: mich in meiner Haut wohlzufühlen.

Stil ist mehr, als die richtige Tasche zu haben, richtig?
Richtig, Stil haben ist das Ergebnis von Selbstbewusstsein haben. Selbstbewusstsein steht einer Frau besser als das teuerste Kleid. Diese Einsicht kommt, leider, erst mit der Zeit, also im Alter.

Apropos: Welche Tasche ist die richtige?
Ich habe sie noch nicht gefunden.

Tatsächlich? Auch unter den Taschen, die Ihr Vater und seine Mitarbeiter entwarfen, war keine passende?
Die Anforderungen einer Frau an ihre Tasche sind hoch und vielfältig. Ich will keine Statustasche und keine, die alle anderen haben. Ganz wichtig: Eine Tasche muss leicht sein. Und praktisch. Und etwas darstellen.

Was haben Sie von Ihrem Vater Aldo Gucci gelernt?
Es gibt keinen Anlass, bei dem man nicht elegant aussehen und Flair haben kann. Er hat sogar zur Gartenarbeit ein auf Mass gearbeitetes Hemd mit einem Seidentuch getragen. Trainingshosen und Turnschuhe hatte er keine. Doch er war ein Mann seiner Zeit, und diese ist vergangen.

Kann man Stil lernen, oder hat man ihn respektive, häufiger, nicht?
Je mehr man lebt, desto mehr lernt man. Und Stil kann, wenn man gut beobachtet, Teil jedes Lebens werden. Andererseits, viele Menschen üben zu singen oder zu zeichnen – und nicht alle haben die Stimme respektive das Auge dafür.

Nennen Sie ein Stück, das jede Frau haben muss.
Eine grossartige Handtasche. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie sie gefunden haben.

Was sollte jede stilvolle Frau wissen?
Alles über sich. Dann wird sie gut und stilvoll aussehen.

Ein stilvolles Geschenk für einen stilvollen Mann
Manschettenknöpfe.

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