MARK VAN HUISSELING über...

KLAUS MARIA BRANDAUER

Der Hollywood- und Theaterschauspieler spricht nicht über Europa. Dafür über den Bedeutungsverlust des Theaters und über Männlichkeit.

Brandauer
«Bitte schreiben Sie: ‹Ich bin 1,89 Meter gross und hab volles blondes Haar ...›»: Schauspieler Brandauer (rechts), 73 (Bild: Nathan Beck).

Fragen wartete der 73-Jährige, wohl einer der wichtigsten Schauspieler deutscher Muttersprache, nicht ab, solche brauchen bloss Amateure. Bei Klaus Maria Brandauer jagte eine Anekdote die nächste Pointe. Bis er nach stundenlanger kurzweiliger Rede sagte: «Ja, das tönt jetzt alles vielleicht gut und lustig. Doch wenn Sie das Band abhören, werden Sie sehen, wie schwer es ist, daraus etwas Gescheites zu machen.» Unser Mitarbeiter bedauerte es tatsächlich für einmal, keine TV-Sendung (mehr) zu haben. Die Abschrift seiner Show, fand der Hauptdarsteller dann aber, nachdem er diese (fast) änderungsfrei autorisiert hatte, sei einigermassen gelungen. Und gebe mehr oder weniger wieder, was er erzählt habe.


Das Sprechtheater hat einen Bedeutungsver­ lust hinter sich, liest man. Erleben Sie’s auch so?
Immer wieder. Und deshalb ist mir überhaupt nicht bang. Das kann mich auch gar nicht interessieren. Denn jede Generation versucht mit einem neuen Blick die Welt und somit das Theater zu sehen. Darum habe ich nicht das Gefühl, dass es einen Bedeutungsverlust gibt. Es gibt vielleicht da oder dort, aus politischen Gründen, Theaterschliessungen. Die gibt’s immer wieder und gab’s immer wieder. Ich kann nur sagen, die Wiener Theater sind gut besucht. Und auch meine Erfahrung aus Berlin ist: Da gibt es keinen Besucherschwund. Es ist überall dort ein bisschen schwierig, wo die Theatermacher nicht erklären können, warum sie einen anderen Blick aufs Theater versuchen.


Modisches Theater?
Ich kann mit solchen Sachen sowieso nichts anfangen – modisch oder konservativ. Es muss die Leute in Brand schiessen. Oder unglaublich glücklich machen.


Ein recht hoher Anspruch.
Anders geht es nicht; ich versuche das.


Modisches Theater ist einfacher, nehm’ ich an.
Sie können ja modisch in Brand schiessen: «Humlet, Humlet, Humlet; uffala, uffala», so kann doch ein «Hamlet» anfangen. Und der Hamlet tritt auf und hat einen langen Gartenschlauch und spritzt alle [Zuschauer] an, die ganzen Familien. Denen rinnt das Wasser von den Kleidern ... Ich hab eine solche Aufführung gesehen.


Schadet das dem Theater?
Um Gottes willen, das hält das Theater aus. Zumindest fast immer. Und wenn dieser «Hamlet» fünfzig ausverkaufte Vorstellungen hat, dann hat es den Sinn von Theater erst mal erfüllt – ich bin da nicht dagegen. Ob das immer auch gut ist, steht auf einem anderen Blatt. Das ist die Verantwortung derer, die Theater machen.


Das Problem des Theaters, wo es eins gibt, ist hausgemacht?
Es ist immer hausgemacht, Theater findet vor Ort statt, das Feuilleton interessiert dort eigentlich gar niemanden. Und ich möchte nicht sagen, was Sie gesagt haben, aber ich möchte, dass es Erwähnung findet. [Ich habe gesagt, Journalisten hätten ebenfalls einen Bedeutungsverlust hinter sich – und schrieben vielleicht auch deshalb von der Krise der Theater.] Es gibt die Dauerkrise des Theaters, seit Thespis [griechischer Tragödiendichter, gilt als Erfinder des Dramas, führte 534 v. Chr. in Athen die erste Tragödie auf ] in Griechenland angefangen hat. Die Krise ist der Aggregatzustand des Theaters. Und das ist gut so.
Wofür werden Sie auf der Strasse erkannt – für Ihre Rollen im Theater oder im Film?
Für alle, manchmal sogar für welche, die ich gar nicht gespielt habe.


Es laufen also gebildete Leute rum, die Sie als Jedermann oder Wallenstein auf der Bühne gesehen haben?
Auch das gibt es. Aber ich bin über jeden Zwölfjährigen froh, der sagt: «Ah, Maximilian Largo» [sein Charakter im James-Bond- Film «Never Say Never Again» von 1983]. Es ist klar: Wenn man grad einen Film hat, noch dazu einen internationalen, der Millionen von Leuten erreicht, dann ist man ein sogenannter household name [vertrauter Name]. Währenddem man, wenn man in Wien am Theater spielt, halt in Wien bekannt ist.


Der Unterschied?
Es gibt keinen. Ausser der Annehmlichkeit, sich hin und wieder ein paar bessere Voraussetzungen für das Leben schaffen zu dürfen.


Ah, es reicht nicht bloss, um einen besseren Tisch im Restaurant zu bekommen ...
Das fällt da auch mit hinein.


Toll, haben Sie ein Beispiel?
Nein, das heisst, ich habe viele Beispiele. Aber das möchte ich den anderen Menschen, die mir das haben angedeihen lassen, hier nicht zumuten. Mir war das nicht immer recht, aber ich hab’s angenommen.


Tönt bescheiden, dabei sagt man, Sie seien arrogant.
Sie können auch angeben: «Ha, ich mach’ das Tollste ...» Wenn Sie zugeben, dass Sie das brauchen, dann geht das. Ich zum Beispiel brauch’ manchmal eine Vergrösserung von mir selber. Weil ich mich oft so klein fühle.


Fishing for compliments, nach so vielen Jahren immer noch – leiden Sie an der Berufs­krankheit des Schauspielers, oder sind Sie nur ein super Interviewgeber?
Nein, ich bin ganz ehrlich. Weil ich mich manchmal klein fühle oder klein bin. Aber nicht, dass wir jetzt ein Problem da draus machen. Sie sehen: Der ehrliche Zugang in einem Gespräch kann einen in Teufels Küche bringen.


Ich hab gehört, Sie setzten sich immer durch im Beruflichen. Gelingt Ihnen das, weil Sie charmant oder weil Sie gut sind?
Pah, wenn ich etwas, was ich wirklich gern hätte oder machen würde, durch welchen Grund auch immer, erreiche, bin ich nicht unglücklich, eher das Gegenteil. Aber ich komm’ nicht mit der Pistole.


Sie haben beredt meine Frage wiederholt. Darf ich noch eine Antwort haben, bitte?
Kann eine Mischung sein, ich weiss es manchmal selber nicht. Und man weiss oft auch nicht, ob das, was man gern machen möchte, gelingen kann. Zum Gelingen gehört bei uns ja nicht, dass die Maschine dann funktioniert.


Nicht? Ich meinte, was auch immer man macht, ob als Schauspieler, Journalist oder Bankangestellter, fusst darauf, dass man sein Fach beherrschen und Leistung bringen muss.
Alles, was man beruflich können muss, muss man mindestens können. Man kann auch noch mehr können, bis zur Virtuosität. Und trotzdem geht man in die Garderobe und sagt: «Heut war’s aber gar nicht gut.» Warum? Ich war nicht bei mir, es hat mir nicht gehört, wir waren nicht zusammen. Man nimmt ja auch den Alltag mit in den Abend ...


Kopfschmerzen, zum Beispiel.
... oder neue Erkenntnisse. Ein Tag, an dem ich am Abend Theater spiele, ist kein verlorener Tag, aber er ist ausgerichtet darauf, dass ich am Abend gern gut sein möchte. Und, Entschuldigung, Erfolg haben möchte.


Das ändert sich nie, auch nicht nach einer lan­gen und erfolgreichen Laufbahn wie der Ihren?
Die Leute sehen’s immer zum ersten Mal. Aber man muss es gross meinen. Auch wenn man den kleinsten Bettler spielt. Weshalb sollte man es sich sonst erlauben, vor tausend Leuten eine Geschichte zu erzählen? Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern ist eine Kraftanstrengung. Doch ich muss sagen, die Bretter bedeuten für mich nicht die Welt. Ich bin so glücklich, immer noch dabei zu sein, aber es ist nicht so, dass ich ohne [Schauspielerei] nicht leben könnte.


Was bedeutet denn die Welt für Sie?
Altaussee [Salzkammergut, Steiermark], wo ich herkomme. Die Menschen, die mich begleitet und mir Luft unter die Flügel geblasen haben und das immer noch tun. Und meine Bindungen, über die ich hier nicht sprechen muss.


Sie haben in der Vergangenheit für ein vereinigtes Europa gesprochen – Europa sei die Lösung, für die Flüchtlingskrise zum Beispiel, nicht das Problem, waren Ihre Worte – sehen Sie’s immer noch so?
Ja, natürlich, nach wie vor. Dies bedeutet nicht, dass ich nicht auch sehe, dass wir von meiner Idealvorstellung meilenweit entfernt sind. Aber wenn wir alle, zunächst einmal die Leute mit den politischen Ämtern, zusammentreffen im Gespräch und das weitergeben können an die Bevölkerung, die sich nicht tagtäglich damit beschäftigen kann – denn das muss man aufschlüsseln –, dann müsste es eigentlich funktionieren ... Aber ich glaube, kein Mensch will das jetzt von mir wissen. Die Leute sagen: «Übermorgen spielst du deinen ‹Lear› wieder und dann den ‹Zerbrochenen Krug› ... Schau, dass du da bestehen kannst.» Es ist immer mein Fehler, dass ich in solchen Gesprächen ein grosses Konzert anreisse, nichts ganz durchdenke. Weil mein Herz übergeht.


Es ist noch Platz und Zeit, um über Männ­lichkeit zu sprechen.
Bitte schreiben Sie: «Ich bin 1,89 Meter gross und hab volles blondes Haar ...» Wir machen hier ja keinen Film, das kriegen wir hin.


Sie wurden zum ersten Mal mit zwanzig Va­ter und zum zweiten Mal mit siebzig. Das ist Ausdruck von Männlichkeit, finde ich.
Soll ich auch noch ausgestellt werden irgendwo hinter Glas: «Das ist der, der einen Sohn hat, der 54 wird, und der andere wird drei»? «Wie halt das Leben so spielt», kann ich nur sagen. Männlichkeit ... Ich bin ein Mann, glaub’ ich, ich schau’ heut noch mal nach. Männer, Frauen – völlig uninteressant, alles längst abgefrühstückt, seit Abertausenden von Jahren. Mensch sein. Es ist nichts anderes.


Was ist Ihr Erkenntnisgewinn bei der Er­ziehung des zweiten Sohns?
Meine Söhne und meine Frau sind keine Personen des öffentlichen Interesses.


Was zieht Frauen an einem Schauspieler an?
Hm, Karriere macht was aus, Prominenz auch. Aber ich bin sehr froh, dass es mir gelungen ist, einigermassen wahrgenommen zu werden. Ich bin auch in dem Beruf, um aufzufallen, wie ich schon gesagt habe. Es ist eine Art Geltungsdrang. Aber den haben andere auch, so viele Leute gibt es gar nicht am Theater. Das ist jetzt wieder so eine Art Selbstbeobachtung, die ich von mir gebe. Aber was soll man machen? Und auf keinen Fall vergessen, zu schreiben, dass ich 1,89 Meter gross bin. Und volles blondes Haar habe.


Klaus Maria Brandauer ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Schauspieler. Der Österreicher spielt seit mehr als fünfzig Jahren in Theatern sowie in Kino- und TV-Filmen. Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch Rollen im James-Bond-Film «Never Say Never Again», in «Out of Africa» (mit Robert Redford und Meryl Streep) oder in «Mephisto» von István Szabó. Er ist zum zweiten Mal verheiratet, hat einen 53-jährigen und einen dreijährigen Sohn. Er lebt in Wien, Altaussee und Berlin. Am 24. Juni wird er in der Tonhalle aus Shakespeares «Sturm» lesen; das Zürcher Kammerorchester unter der Leitung von Daniel Hope spielt dazu Werke von Mozart.

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