MARK VAN HUISSELING über...

MARRAKESCH

«Spielen Sie Oud» – diesen Punkt konnte ich nicht abhaken, weil der Oudspieler mir sein Saiteninstrument nicht geben wollte. Weitere Einträge auf der To-Do-Liste sind: «Tragen Sie Babuschen» oder «Verlaufen Sie sich in der Medina».

Marrakesch Artikel
Die cuisine und ihre Rezepte verraten viel über die Befindlichkeit an einem fremden Ort: Markt in Marrakeschs Medina (Bild: Muir Vidler)

Das nennt man ein Erste-Welt-Problem: wohin reisen, um ein angenehmes, langes Wochenende oder eine Woche zu verbringen? Es sollte nicht weit sein, aber weit genug. Denn man möchte erstens weg sein und zweitens die Sonne sehen. Möchte ein paar Tage in einer anderen Welt verbringen. Aber sie sollte nicht ab von dieser Welt sein, denn man hat keine Zeit, ein Visum einzuholen, und keine Lust, Schutzimpfungen über sich ergehen zu lassen.

Der Lösungsvorschlag der Mitarbeiterin des Reiseunternehmens: Marrakesch. Das klingt ein wenig schick und mystisch, erfüllt die Anforderungen also (und es gibt Direktflüge mit Edelweiss Air ab Zürich) ... Falls jemandem diese Zeilen bekannt vorkamen, hat er ein Elefantengedächtnis. Ich habe sie schon einmal in dieser Zeitschrift veröffentlicht, vor neun Jahren. Höchste Zeit, wieder einmal nach Marokko zu reisen.
Bevor zu lesen sein wird, was es zu sehen und erleben gab, ein Haftungsausschluss: Marrakesch, mit knapp einer Million Einwohnern, liegt im Südwesten Marokkos. Das Königreich mit einer Fläche von 446 000 Quadratkilometern (ohne Westsahara; etwa elfmal so gross wie die Schweiz) ist das westlichste der fünf Maghrebländer (sechs mit Westsahara) und grenzt im Osten an Algerien. Mein Eindruck ist, dass es sich um ein sicheres Reiseziel handelt; allerdings wurde im April 2011 ein Terroranschlag auf ein Café auf dem Marktplatz – Djemaa el-Fna – verübt, bei dem siebzehn Menschen starben, darunter auch Touristen aus der Schweiz.

Das Herz von Marrakesch ist die Altstadt, genannt Medina. Diese ist fast dreieckig, und die Schenkel des Dreiecks sind zirka zwei Kilometer lang. Das hört sich nach überschaubarem Gebiet an. Doch genau das ist es nicht – es handelt sich dabei um eine Ansammlung von Plätzen, Strassen, Gassen, kleinen Gassen, engen Gassen, noch kleineren Gassen und so weiter. Sie sind auch unüberschaubar, weil sie, zumindest in Touristen-Augen, alle recht ähnlich aussehen. Mit anderen Worten: Sich zurecht und beispielsweise den Weg retour in das Café, an dem man vorhin vorbeiging, zu finden, ist schwierig. Ebenso den Weg ins Hotel, ein Riad genanntes Stadthaus, weil diese von aussen alle ähnlich unscheinbar sind, was für Paare, bei denen noch Wettbewerb herrscht, wer der bessere Pfadfinder sei, zu Spannungen führen kann.

Doch es wäre schade und unnötig, sich in Marrakesch zu streiten. Besser befolgt man den Tipp, der auf der Marrakesch-To-do-Liste, die es als Poster zum Mit-nach-Hause-Nehmen gibt, steht: «Verlaufen Sie sich in der Medina.» Ich kann es empfehlen. Denn man verläuft sich nicht richtig respektive nicht für allzu lange – dafür ist die Medina mit ihrer Fläche von wenigen Quadratkilometern nicht gross genug. Und falls man es doch schafft, bittet man jemanden auf Französisch oder Englisch um Hilfe. Am besten erkundigt man sich nach einem Platz oder einem bekannten Gebäude in der Nähe des Ziels, denn Strassennamen, habe ich gelernt, sind nicht immer eindeutig. Es kann allerdings sein, dass einem die freundlichen und hilfsbereiten Bewohner der Stadt, nicht ganz eigennützig, stattdessen den Weg ins Geschäft eines Cousins beschreiben. Dort angekommen, erinnert man sich am besten an den Satz: «Hilf dir selbst, sonst helfen dir alle.» «Danke», auch im Sinn von: «Nein, danke», heisst auf Arabisch übirgens «Shukran».

Weitere Einträge auf der To-do-Liste sind: «Tragen Sie Babuschen», «Trinken Sie Tee», «Besuchen Sie einen Hamam» oder «Spielen Sie Oud». Den letzten Punkt konnte ich nicht abhaken, weil der Oudspieler, dem ich begegnet bin, mir sein Saiteninstrument nicht in die Hand geben wollte. Was er mir dagegen anbot: seinen Fes aufzusetzen und zu versuchen, mittels kreisenden Kopfbewegungen die Quaste, die auf dem flachen Deckel angebracht ist, durch die Luft sausen zu lassen. Ich habe es nicht geschafft, ehrlich.
Marrakesch ist eine der vier Königsstädte Marokkos. Das heisst, es gibt zahlreiche Sehenswürdigkeiten: die Koutoubia-Moschee und die Kasbah – Festung aus dem 12.Jahrhundert – oder die Ben-Youssef-Koranschule aus dem 14. Jahrhundert. Ferner die Suks, Märkte, deren Angebot von touristisch bis wirklich kaufenswert reicht; einige Geschäfte, die ich zum Besuch empfehle, liegen in der Nähe der Place de la Kissaria. Und die Gärten: Agdal sowie Menara oder in der Neustadt den Jardin Majorelle, der zuerst dem Maler Jacques Majorelle gehörte – dieser war bekannt für sein Kobaltblau, das er auch im Garten oft verwendete – und später Yves Saint Laurent, dem Modeschöpfer. Etwas ausserhalb ist der Anima-Garten, dabei handelt es sich um die neueste Anlage, geschaffen von André Heller, dem österreichischen Künstler; der knapp dreissig Kilometer weite Weg dorthin lohnt sich.

DAS MODERNE LEBEN
Die Neustadt, etwa die Viertel Gueliz und Hivernage, anzuschauen, ist ebenfalls interessant – denn dort ist das moderne Leben zu Hause. Im «Le Comptoir» oder «Dar Rhizlane» zum Beispiel, diese Restaurants mit Bars sind so etwas wie Marrakeschs Äquivalent zum Zürcher «Kaufleuten». Es überrascht, dass es das in einem muslimischen Land gibt. Und im neuen «Mandarin Oriental», dem vielleicht besten Haus der Region, sicher aber dem Hotel mit den grössten Villen, nicht Zimmern, wurde gerade ein «Ling Ling»-Restaurant eröffnet. Es gehört zur Londoner Hakkasan-Gruppe, die Küche ist pan-asiatisch, wie man sagt, an Wochenenden treten DJs auf, und weitere Attraktionen sind eine lange Bar plus eine längere Liste alkoholischer Cocktails. Das «Mandarin» ist in der Nähe des recht modernen Flughafens gelegen, vom Stadtzentrum in etwa fünfzehn Minuten mit dem Wagen erreichbar.

Der ebenfalls empfehlenswerte Gegenentwurf zu einem Hotel der Spitzenklasse ist ein Aufenthalt in einem Riad. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende dieser Stadthäuser in der Medina. Wahrscheinlich unterscheiden sich alle irgendwie voneinander, doch zwei Dinge haben sie gemeinsam: Ihre inneren Werte erkennt man erst, nachdem man die staubige Gasse und die bröckelnden Mauern hinter sich gelassen hat und in den kühlen Hof, um den herum sich auf mehreren Stockwerken die Zimmer befinden, getreten ist. Und zweitens, in ihnen weht der «Zauber des Orients», den der Reiseführer verspricht, tatsächlich. Gemeint ist hier ein Reiseführer in Buchform oder im World Wide Web. Einen weiteren, oft besseren Reiseführer gibt der gérant oder monsieur des Riads ab; es handelt sich dabei meist um einen Franzosen, der die Stadt und Umgebung kennt und für den Besitzer des Riads, meist ebenfalls ein Franzose, nach dem Rechten schaut. In unserem Fall hiess der Riad Tawargit und dessen Chef Olivier. Und er hatte wenigstens zwei sehr gute Ideen für Aktivitäten respektive Exkursionen, die aus einem normalen Marrakesch-Aufenthalt einen gelungenen Marrakesch-Aufenthalt machten.

SO VIELE TAJINE-VARIANTEN
Ich bin ein Fan von Kochkursen an fremden Orten. Weil einem die cuisine und ihre Rezepte viel über die Befindlichkeit ebendort verraten. Bei uns gab es Tajine mit Poulet. Unter Tajine versteht man einen traditionellen Topf aus Ton mit Deckel, wie er einem im Suk angeboten wird. Man bezeichnet aber auch das Gericht, das darin zubereitet wird – Gemüse, Couscous –, als Tajine. Vereinfacht lässt sich sagen: Es gibt so viele Tajine-Varianten, wie es marokkanische Köchinnen gibt. Richtig, gekocht wird in Marokko meistens noch von Frauen, ausser in den neustädtischen Vierteln der grösseren Städte, wie unsere Köchin erzählte. Das Tajine, das sie zubereitete, enthielt zirka ein Dutzend verschiedener Gewürze – Kurkuma, Koriander, Kreuzkümmel... Man kann es auch einfacher haben und eine Mischung mit Namen Ras el-Hanout oder Dukkah kaufen. Eine Küche, die so viele verschiedene Gewürze verwendet, ist eine, die was zu erzählen hat, sozusagen. Etwa von Karawanen, die früher durchs Land zogen und Halt machten und davon, was die Reisenden mitgebracht hatten und so weiter. Unser Tajine mit Poulet – am Vortag gekauft, mit Zitrone und Knoblauch eingerieben und über Nacht ruhen gelassen – schmeckte hervorragend, überhaupt ist die marokkanische Küche ein weiterer guter Grund, nach Marrakesch zu fahren.

Bei der «Berber-Erfahrung» handelte es sich um eine Fahrt in einem Offroader in ein Tal im nahen Hohen Atlas. Dieser Teil des Gebirges hat seinen Namen nicht von irgendwoher – Marrakesch liegt auf zirka 450 Meter über Meer, die Gebirgskette des Hohen Atlas, die zirka 50 Kilometer von der Stadt entfernt durchführt, zählt mehrere Gipfel, die über 4000 Meter hoch sind und zahlreiche Dörfer, die auf 2500 oder so Metern liegen. Drum also, auch wenn es in der Stadt 30 oder mehr Grad warm und windstill ist, Pullover und Windjacke sowie lange Hosen anziehen. Die Fahrt über Naturstrassen, nachdem man die letzten grösseren Dörfer durchquert hat, ist etwas für Mutige, jedenfalls wenn man einen Fahrer hat, der denkt, Geschwindigkeiten unter 50 km/h seien nur etwas für Angsthasen. Die schroffen, steilen, kaum bewachsenen Hänge, die man zu sehen bekommt, kann man selbst als an Berge gewohnter Schweizer als eindrücklich beschreiben. Und die Dörfer, bestehend aus Häusern mit unverputzten Mauern, die an Schwalbennester in Felsvorsprüngen erinnern, hätte man so nicht erwartet – manche haben weder Strom noch fliessendes Wasser. Auf der Strasse stehen Kinder, die einen misstrauisch, wenn auch nicht unfreundlich ansehen – und das, nachdem man vor zirka einer Stunde an einem Louis-Vuitton-Geschäft in Marrakesch-Neustadt vorbeigefahren ist.

BERBER-ERFAHRUNG
Berber sind die Ureinwohner Marokkos und machen noch heute rund achtzig Prozent der Bevölkerung aus. Die Mehrheit davon sind sesshafte Bauern, die anderen Nomaden. Die zirka zwanzig Prozent Nichtberber des Landes sind Einwanderer aus arabischen Ländern, ein paar Christen und einige Juden. Die Berbersprache enthält einige Wörter aus dem Französischen und erinnert ein wenig an Créole. In den Dörfern des Atlas begegnet man kaum noch Marokkanern, die andere Sprachen als ihren Berberdialekt und marokkanisch-arabisch beherrschen. Was aber der Berber-Erfahrung nicht schadet – Esel reiten und Tajine-Essen geht auch ohne viel verbale Kommunikation. Und wenn wir es davon haben: In der Stadt ist Wi-Fi sozusagen überall vorhanden, einigermassen stabil mit brauchbarer Übertragungsgeschwindigkeit. Im Gebirge dagegen gibt es nicht mal ein Mobiltelefonnetz.

Was uns zurückführt zum Erste-Welt- Problem: wohin reisen, um einige angenehme Tage zu verbringen? Die, oder immerhin eine Antwort ist mittlerweile klar, hoffe ich.

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