MARK VAN HUISSELING über...

DEN HIMMEL DER SCHWEIZ

St. Moritz, hier tragen selbst die Hunde Pelz. Der FOCUS-Report aus einem der exklusivsten Wintersportorte der Welt, in dem 
am 6. Februar die Ski-WM startete.

St  Moritz Winter
Sechstgrösste Schweizer Stadt – St. Moritz in der Saison (Copyright: swiss-image.ch/Romano Salis).

Vergangenes Wochenende war ein Teil der guten Gesellschaft zu Besuch. Mal wieder. Aby Rosen, ein New Yorker Immobilienunternehmer und Kunstsammler, ursprünglich aus Frankfurt, mit Familie etwa. Oder Daria „Dasha“ Schukowa, russische Modedesignerin, Kunstmäzenin und Freundin von Roman Abramowitsch. Oder Lord Norman Foster, der Architekt aus London, mit Ehefrau Elena Ochoa ... Mit anderen Worten: Nicht bloß ein Teil der guten Gesellschaft New Yorks, Moskaus oder Londons war ins Engadin im Südosten der Schweiz gefahren. Sondern ein Teil der guten Gesellschaft du monde, der Welt. Und sie waren nicht gefahren, sorry, sondern geflogen. In Privatflugzeugen.

Der Grund ihres Kommens, falls es einen brauchte: Vito Schnabel, der älteste Sohn des Künstlers Julian Schnabel, öffnete die neuste Show in seiner Galerie. Kuratiert hat die Ausstellung mit Werken verschiedener amerikanischer Künstler Bob Colacello, ein weiterer fetter Name der New Yorker Society, Biograph von Andy Warhol und Sonderkorrespondent der „Vanity Fair“. Die vielleicht auffälligste Abwesende war – Heidi Klum, Vitos Freundin. Sie sei in Los Angeles, habe zuviel Arbeit, es tue ihr leid; „sie hat Blumen geschickt“, sagte Colacello.

In der Saison zählen St. Moritz und die umliegenden Gemeinden rund 100 000 Bewohner, das entspricht der sechstgrössten Schweizer Stadt. Doch die Saison ist kurz, sie dauert zirka 25 Tage: Die Woche zwischen den Jahren, dann Anfang Januar russische Weihnacht und Neujahr sowie Ende des Monats die Polospiele auf dem gefrorenen St. Moritzersee, Mitte Februar machen Schweizer und Italiener Skiferien und falls Ostern nicht zu spät liegt und einem der Sinn schon nach Frühling und Wärme steht, geht man nochmal ein paar Tage hoch. Das war’s. Der Bergsommer, eine verlockende Vorstellung im Grunde, kann eine Enttäuschung sein – es gibt keinen Monat, in dem es nicht schneit in der „Dorf“ genannten Kleinstadt mit 5500 Einwohnern auf 1800 Metern über dem Meer.

In diesen wenigen Tagen muss viel Geld verdient werden in St. Moritz. Und viel Geld wird verdient in Hotels, Restaurants, mit Bahnen, Sesselliften und so weiter. Doch es reicht nicht. Es braucht Gönner, Mäzene oder Patenonkel, die sich ihre Freude am Dorf (und ihr Ansehen dort) was kosten lassen. Und es braucht neue Besen, die gut kehren respektive mit ihrem Angebot Stammgäste halten und neue Besucher holen.

St. Moritz hat beides. Immer wieder. Zurzeit heißt der wichtigste Gönner Urs Schwarzenbach. Oder er war’s auf jeden Fall – der Finanzgeschäftemacher hat noch eine bis eineinhalb Milliarden Franken, falls stimmt, was in der Schweizer Zeitschrift „Bilanz“ steht. Früher war’s mehr, die Zeiten in seinem Business sind keine leichten. Er zahlte die längste Zeit, wenn zu wenig da war fürs Poloturnier oder den Betrieb des Flugplatzes; nicht frei von Eigennutz vielleicht, der Zürcher lebt und arbeitet bei London und fliegt regelmäßig ein. Sein Sohn Guy spielt Polo.

Der neuste neue Besen ist Vito Schnabel. Sein Name und seine Galerie, die der 30-Jährige nun zum zweiten Mal für die Saison öffnet, ziehen Leute an, die St. Moritz bisher nicht auf der Landkarte hatten: Die internationale „art crowd“, die bestverdienenden Männer des Planeten und ihre Trophäenfrauen, die es sich nicht erlauben können, sich nicht für Kunst zu interessieren. Und sie bringen ihre coolen Kinder mit, über die im World Wide Web berichtet wird und die zehntausende oder mehr Follower auf Instagram et cetera haben. Das ist Glück für St. Moritz. Das Glück des Tüchtigen vielleicht.

1864 war Johannes Badrutt wohl der erste Hotelier, der Gäste aus dem Ausland in die Schneeberge holte – im Winter. 1937 ließ Kurdirektor Walter Amstutz den St. Moritz Schriftzug und die dazu gehörende Sonne beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum als Bildmarke schützen. Er stellte auch die Behauptung auf, St. Moritz zähle 322 Sonnentage jährlich. St. Moritz – der Name, stammt übrigens von dem thebäischen Legionär Mauritius, der im 3. Jahrhundert den Märtyrertod starb und 700 Jahre später eine kleine Kirche in den Oberengadiner Bergen geweiht bekommen haben soll. Sagt man.

In dieser Woche begannen die Ski Weltmeisterschaften (noch bis 19. Feb.), wieder einmal – wie bereits 1934, 1948, 1974 und 2003. Das stört hier eigentlich niemanden. Natürlich stellt die Veranstaltung für die Gesellschaft der Welt von Schwarzenbach oder Schnabel keinen Eintrag in der Agenda dar. Wer den Slalom der Damen oder die Alpine Kombination der Herren gewinnt – so what?

Während der letzten WM in Moritz kamen drei Prozent weniger Gäste. Doch diese blieben länger, was vier Prozent mehr Logiernächte einbrachte. Zwei Drittel der Touristen sind aus dem Ausland, die meisten aus Deutschland, gefolgt von Italien – St. Moritz liegt näher bei Mailand als Zürich, wenn man die Luftlinie misst. Nun also transportieren die vielerorts im Fernsehen ausgestrahlten Rennen die Marke St. Moritz. Und die Bilder der Natur erinnern daran, dass die alpine Landschaft mit vielen über 4000 Metern hohen Gipfeln, mit Gletschern und Seen außergewöhnlich schön ist.

Gesellschaftlich sind die „White Turf“-Pferderennen an drei Sonntagen im Februar höher angesiedelt als die Skirennen; noch höher ist das Poloturnier, der „Snow Polo World Cup“. Vom Dinner im Embassy Ballroom des Badrutt‘s Palace sind im gesamten deutschsprachigen Raum bearbeitete Bilder und Worthülsen von Halbberühmtheiten zu lesen, zu sehen, zu hören: „So bunt treiben es die Milliardäre in St. Moritz“ geht dann die Schlagzeile. Oder so ähnlich.

Die ist so auf Fakten geprüft wie der Märtyrertod des Mauritius. Ich war jahrelang dabei, Milliardäre habe ich nur unwesentlich mehr gesehen als thebäische Legionäre. Bloß: „So bunt treiben es die Single-digit-Millionäre“ wäre weniger sexy. Wahrnehmung ist Wahrheit, sagt man. Und auch Halbwahrheiten machen die Marke St. Moritz begehrlich – da will man hin kommendes Jahr, um auch am Tisch zu sitzen. Oder wenigstens im gleichen Ort Atemluft zu teilen mit Prominenten und Milliardären.

Das Verhältnis von Touristen zu Polo-Gästen zu Bewohnern der Vito-Schnabel-Kunstwelt ist quasi symbiotisch: Die einen schauen zu den Nächsthöheren auf, die wiederum brauchen das Publikum zur Selbstvergewisserung. Der Skifan findet’s lässig, wie man in der Schweiz sagt, wenn er nach dem Rennen jemanden im Dorf sehen könnte, den er aus dem Fernsehen kennt. Und die Fernsehhalbberühmtheit fänd’s lässig, nächstes Mal nicht nur zum Polo-Dinner eingeladen zu werden (Karten kosten 1000 Franken, falls man nicht Kunde und also Gast eines Team-Sponsors ist), sondern zu jemandem ins Haus, der bei Vito Schnabel Kunst kauft.

Ich war mal Gast in einem Haus, das etwa 50 Millionen Franken (45 Millionen Euro) gekostet hat, Umbau inklusive; in der Nähe wohnt Otto Happel, ein deutscher Unternehmer in Beteiligungen mit 3 bis 3,5 Milliarden Vermögen (Quelle: „Bilanz“) und ebendort baute, nicht wohnte, Jan Kulczyk, einst der reichste Pole. Ein schönes Haus, geschmackvoll eingerichtet, gemütlich. Und nicht zu groß – gute 350 Quadratmeter. Zu einem Preis, der knapp zehn Millionen unter dem Budget der Ski- WM liegt. Woraus sich mehr als 140000 Franken je Quadratmeter ergeben. Oder ergaben. Das war 2011. Seither ist der Markt abgesackt. Die Immobilie würde heute 30 Millionen bringen, vielleicht 35. Wer weiß das schon? Was man weiß: Der Stimmung tut die Entwicklung nicht gut.

Die Preise in St. Moritz sind generell Top of the World, um den alten Slogan des Orts wiederzugeben: Ein Doppelzimmer im Hotel für unter 500 Franken die Nacht, Mittagessen für Eltern und zwei Kinder auf der Piste für weniger als 200 Franken oder Dinner for two zum selben Preis ist kaum zu finden. Und der Skipass kostet rund 80 Franken pro Person und Tag. Und dann der Franken-Kurs! Bedeutet: Für Besucher, die ihr Geld in Euro verdienen, ist nochmal alles teurer geworden.

Andererseits, und das ist nicht nett, Winterferien in St. Moritz sind kein Menschenrecht. Schon gar nicht für Normalverdiener, seien diese nun Schweizer oder ausländische Touristen. Und der eine oder andere, der sich und seiner Familie dennoch einen Skisonntag auf dem Top of the World leistet, dürfte abends, wenn er in zäh ies- sendem Verkehr sein Auto nach Hause lenkt, denken, irgendwie habe sich das Ganze – Schönheit der Natur hin, Erhabenheit der Bergwelt her – doch nicht gelohnt. Recht hat er. Zur vollen St. Moritz- Erfahrung gehört „access“, Zugang.

Wenn man am Sonntagabend statt im Stau noch bei Rolf Sachs in seinem zu einem feinen Ferienhaus umgebauten ehemaligen Bob-Starthaus am langen Esstisch sitzt, dann ist’s was anderes. Weil es doch viel friedlicher ist, erst am Montagmorgen (oder Mittwochmorgen) retour ins Unterland zu fahren. Und zweitens Sachs, neuerdings mit Mafalda von Hessen, einer der interessanteren Gastgeber von St. Moritz ist, bei dem nicht bloß über die vier üblichen Themen gesprochen wird: Hauspersonal, Gesundheit, Immobilienpreise und Reichtum. Eigentlich drei – bei Immobilien und Reichtum geht es ja ums selbe, Geld.

In St. Moritz wird man wohl weiter auf Mäzene setzen. Und solche finden. Der nächste reichste Mann wird von irgendwoher kommen und zahlen. Und so seinen Konkurrenten zeigen, wie reich er ist. Und der nächste neue Besen wird kommen und gut kehren – der nächste Vito Schnabel mit seiner Heidi und seinen „fancy friends“. Sie werden in den teuersten Häusern sitzen und die angesagtesten Kunstwerke verdealen. Und Bob Colacello, oder ein anderer viel beachteter Kolumnist, wird sagen: „Die Gesellschaft hier oben ist wirklich glanzvoll, etwas vom besten über- haupt.“ Top of the World halt.

Mark van Huisseling, 51, ist einer der bekanntesten Gesellschaftsreporter der Schweiz, Star-Interviewer und Buchautor.

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