MARK VAN HUISSELING über...

ENRICO MARONE CINZANO

Der Nachfahr der spanischen Königsfamilie und des Wermut-Unternehmensgründers über italienischen Stil, Haltung und die richtigen Schuhe.

Enrico Artikel
«Imprägniert von der Geschichte»: Designer, Adliger, Italiener Cinzano, 54 (Bild: Muir Vidler).

Enrico Graf Marone Cinzano, 54, aus Turin, ist ein Nachfahr der spanischen Königsfamilie, von Giovanni Agnelli, dem ehemaligen Geschäftsführer von Fiat, und von Wermut-Unternehmensgründer Francesco Cinzano. Heute entwirft er Möbel – nachhaltig, hochpreisig, im «Star-Wars-Look» (Icon). Früher entwickelte und dekorierte er Immobilien für das oberste Ende des Markts (Eigenreklame); sein New Yorker townhouse mit Namen «Bacchus» hat er an Sean Parker verkauft, einen frühen Facebook-Berater, für zwanzig Millionen Dollar angeblich. Er lebt in London, New York und Ibiza.


Wie entstand der italienische Stil?
Der italienische Vorteil sozusagen, wenn es um Ausprägungen von Stil und Lebensart geht, hat mit der Geografie und der Natur zu tun. Die langgezogene Form des Landes und die fast endlose Küste sorgen für verschiedene Mikroklimata, welche ein breites Angebot an Flora, Fauna und Kultur hervorbringen. Und über die Jahrhunderte waren die verschiedenen Teile der heutigen Nation unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt. Das heutige Italien war immer ein fruchtbares Land, was zu einer gut ernährten und gesunden Bevölkerung geführt hat. Und nicht zu vergessen: Das Licht und die Farben sind einzigartig. Es erstaunt nicht, dass die Renaissance in der Toskana begann. Das Zusammenfliessen dieser Faktoren hat Italien immanente Vorteile verschafft, nicht bloss oberflächlicher, sondern struktureller Natur. Wir halten an diesen überlieferten Werten fest, sind aber auch spontan. Wahrscheinlich, weil uns diese Werte wirklich etwas bedeuten.


Was ist italienischer Stil?
Die Gesamtheit und das Ergebnis dieser ursprünglichen Voraussetzungen, die ich erwähnt habe. Das alles hat sich in unsere Seele eingegraben, somit bekommt man als Italiener Stil mit auf seinen Lebensweg. Dieser Stil ist in unserer DNA, wir wenden ihn intuitiv an; er ist aber auch Teil unseres Ausbildungssystems.


Tatsächlich, Stil ist vererbbar?
Ja, falls die nötigen positiven Voraussetzungen gegeben sind: Vielfalt, Respekt und Geschichte. Als Italiener weiss man, dass man ein visueller Mensch ist. Wir sind vertraut mit dem Konzept der unfreiwilligen Beobachtung – man denke an Leonardo da Vinci.


Die Deutschen bauen wohl die besten Autos, ein deutscher Stil hat sich aber nie entwickelt. Ist es eine Voraussetzung, um die schönen Dinge im Leben zu meistern, dass man nicht zu detailversessen ist?
Mir ist bewusst, dass es unmöglich ist, zu verstehen, was andere Leute denken und weshalb sie das tun. Darum halte ich mich zurück mit Urteilen. Nachdem ich das gesagt habe, kann ich sagen, dass ich denke, es brauche ein Verständnis des grossen Ganzen, um sich entwickeln zu können. Doch das grosse Ganze besteht aus kleinen Teilen, denen allen Bedeutung zukommt. So gesehen, stimmt die Redensart «Der Teufel steckt im Detail» für mich.


Beschreiben Sie Ihren Stil.
Imprägniert von der Geschichte, aber mit einem Fuss in der fernen Zukunft. Pragmatisch und dem Nützlichen zugetan. Wer es schafft, die Vergangenheit zu respektieren, aber auch bereit ist, sich neu zu erfinden, der hat meinen Stil gefunden; bei mir kommt dazu, dass ich besessen bin von Nachhaltigkeit. Regeln soll man brechen – aber nur, falls es Sinn ergibt, nicht zum Spass. Doch ich erkenne auch grossen Sinn in vielen althergebrachten Dingen – Abendanzüge mit Fliege, formale Tagesanzüge finde ich wunderschön, den Sonntagsanzug dagegen weniger. Alles soll durchsetzt sein von einer eigenen Ästhetik und Haltung. Führe, folge nicht.


Stil ist mehr, als die richtigen Schuhe zu tragen, richtig?
Stil ist Ausdruck von Individualität, hat mit dem zu tun, was man mag und womit man sich wohlfühlt. Mit Geld hat es nichts zu tun. Obwohl solches natürlich Türen öffnen kann. Ich kenne beispielsweise eine bag lady (Obdachlose) in New York City, die einen fantastischen Stil pflegt.


Welche Schuhe sind die richtigen?
Bequeme, die gut an Ihnen aussehen.


Wer ist Ihr Schneider?
Mario Caraceni in Mailand und Florin Cristea von der Sartoria Morganti in Castagneto Carducci. Schuhe kaufe ich von John Lobb, Nike und in Brockenstuben. Von T. M. Lewin gibt es grossartige Hemden, und sehr bezahlbar.


Was haben Sie von Gianni Agnelli gelernt?
Ich beobachtete und respektierte seine ganz persönliche Ästhetik, die er entwickelte und pflegte. Sein Stil war originär.


Kann man Stil lernen, oder hat man ihn respektive, häufiger, nicht?
Man kann immer dazulernen. Doch letztlich muss man vor allem sich selber überzeugen, es ist ein eigennütziger Prozess.


Können Sie jemanden respektieren, der keinen Stil oder, schlimmer, schlechten Stil hat?
Klar, gute Absichten und emotionale Intelligenz sind mir wichtiger. Wenn ich auswählen müsste zwischen einem Freund ohne Stil und einem mit schlechtem Stil, würde ich letzteren wählen. Mit so schlechtem Stil wie möglich – Hauptsache Stil.


Steht hinter schlechtem Stil nicht auch eine schlechte Haltung?
Nein.


Nennen Sie etwas, was jeder Mann haben muss.
Überzeugung.


Und ein Kleidungsstück?
Einen auf Mass gearbeiteten dunkelblauen Blazer.


Was sollte jeder stilvolle Mann wissen?
Wenn dir in einem Stück, das du trägst, nicht wohl ist – weg damit.


Ein stilvolles Geschenk für eine stilvolle Frau?
Perlen.

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