MARK VAN HUISSELING über...

CARLO RAMPAZZI

Seit über vierzig Jahren, unabhängig von Moden und Trends, pflegt der Designer seinen Stil – und wurde so stilprägend.

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«Weil sie nicht so wohnen möchten»: Möbel- und Interiordesigner Rampazzi, 68 (Bild: Karine & Oliver).

Wenn man den Stil seiner Inneneinrichtungen und Möbelentwürfe beschreiben möchte, nimmt man Zuflucht zu Begriffen wie «opulent», «flamboyant» oder «maximalistisch». Doch der Grundsatz, der in Hollywood beim Filmemachen gilt – «show don’t tell»; zeige, statt zu beschreiben, also –, trifft auch zu, wenn es um das Werk des 68-jährigen Tessiners geht.

Die Hollywood-Analogie ist noch in einem anderen Sinn stimmig: Verglichen mit den oft zurückhaltenden, reduzierten oder minimalistischen Entwürfen vieler Schweizer Gestalter und Möbeldesigner ist Carlo Rampazzis Unternehmen mit Namen «Selvaggio» – was auf deutsch «wild» heisst – so etwas wie eine Traumfabrik.

Auf einen Ausflug ins Traumland begibt sich zum Beispiel, wer im Carlton Hotel in St. Moritz eine der sechzig Junior-Suiten oder Suiten bezieht. Diese wurden von Rampazzi gestaltet – vom Griff der Suiten-Türe, der an den Flügel eines Vogels erinnert, bis zum rosa- oder pistachefarbenen Chintz an den Wänden. «Wie bitte, rosa- oder pistachefarbene Zimmerwände – welcher Gast will denn so was?» Das war die Frage der Verantwortlichen vor fast zehn Jahren, als das Haus aufwändig renoviert wurde. Rampazzis Antwort an den damaligen Hoteldirektor: «Ihr Gast. Denn in den drei, vier oder  fünf Häusern und Wohnungen, die er besitzt, gibt es schon genug Beige.» Zu diesem Zeitpunkt gab es auch bereits eine Zusammenarbeit zwischen der Tschuggen Hotel Group, zu der das Carlton gehört, und Rampazzi – seinen ersten Auftrag hatte er im Eden Roc in Ascona ausgeführt.

Spätestens zehn Jahre später liegt der Beweis vor: Der Inneneinrichter hat recht gehabt. Carlton-Gäste lieben seine Entwürfe, obwohl sie nicht so wohnen möchten. «Nicht obwohl, sondern weil sie nicht so wohnen möchten», sagt Rampazzi es genauer. Denn was Menschen im Luxushotel suchen, sei Abwechslung. Abwechslung von ihrem Zuhause. «Sonst würden sie zu Hause bleiben, wo es am Bequemsten ist.»

Seit über vierzig Jahren verfolgt der Designer, der nie ein Angestellter war, seinen Stil. Egal, was in der Interiorbranche Mode war – Glas, Chrom und Leder in den 1980ern, minimalistische Designs aus Aluminum oder Holz in den 1990er-Jahren und so weiter. Das sei manchmal nicht einfach, weil Menschen im Grunde nicht anders sein wollen als die anderen und sich deshalb grade herrschenden Strömungen anpassen. Doch dann erinnert er sich daran, was er will: Möbel entwerfen für die Ewigkeit. Möbeldesigner sollen nicht der Mode folgen, das sei Modemachern vorbehalten, findet er. «Möbel überdauern uns. An Marie Antoinettes Schreibtisch kann man sich heute noch setzen und einen Brief schreiben. Ihre Kleider dagegen kann keine Frau mehr tragen», sagt er.

Man stellt es sich schwierig vor, Kunden ein Rampazzi-Gesamt-Interior zu verkaufen – oder? Man müsse nicht gleich alles von ihm kaufen, sagt er, «aber man darf natürlich.» Doch es sei nicht unüblich, dass ein Auftraggeber erst einmal beispielsweise einen Tisch fürs Esszimmer mit sechs Stühlen bestelle – Rampazzi lässt seine Möbel in Norditalien herstellen, er unterstützt italienisches Handwerk – und dann auf den Geschmack komme. Bis das ganze Haus rampazzisiert sei. Es sei normal, dass man keine Fehler machen wolle, wenn man sein Zuhause einrichte und gestalte, sagt er. «Doch wer keinen Fehler machen will, hat bereits den ersten gemacht.» Und was den Kunden zusätzlichen Mut abverlangt: Der Meister erlaubt keinen Blick über seine Schulter, solange er am Arbeiten ist. «Nicht einmal eine Stunde vorher – ein Werk ist erst für fremde Augen bestimmt, nachdem es vollendet ist.»

Wenn man das erzählt bekommt, findet man Rampazzis Geschäftsmodell irgendwie gewagt. Doch es scheint zu funktionieren, bestens zu funktionieren: Die Firma Selvaggio beschäftigt 14 Mitarbeiter und befindet sich in einem schönen Haus an bester Lage in Ascona, gleich hinter der Seepromenade. Das grosse Haus war früher im Familienbesitz gewesen, hatte den Grosseltern gehört. Vor einigen Jahren kaufte er es zurück, weil es ihm dort als Kind so gut gefallen hat. Dann baute er es nach seinen Vorstellungen um. Jetzt gefällt es ihm noch besser, sagt er. Und mancher Besucher, der unschlüssig ist, ob er Kunde werden möchte, dürfte sich dort, umgeben von Rampazzi-Design und Fundstücken, überzeugen lassen.

Und darüber hinaus hat Ascona seine eigene Traumfabrik bekommen.

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