MARK VAN HUISSELING über...

BOB COLACELLO

Er kennt die Leute von Welt. Und beschreibt die feine Gesellschaft in Büchern und als Vanity Fair-Society-Reporter. Was macht so einer, wenn seine Welt untergeht?


Bob Colacello Artikel
«Niemanden runterreissen»: Reporter Colacello, 70 (Bild: Micha Freutel, Torvioll Jashari, Aich Fotografen. Courtesy Vito Schnabel Gallery).

An einem Freitagnachmittag vergangenen Januar stand Vito Schnabel mit jungen Mit­arbeiterinnen in seiner Galerie in St. Moritz. Die Eingangstüre war verschlossen – die Vernissage fand erst am folgenden Tag statt –, er öffnete und sah mich fragend an. «Ich bin Mark, der Journalist», sagte ich. Worauf sich sein Gesichts­ausdruck ein wenig aufhellte. «Ich bin hier, um Bob zu treffen.» Worauf sich für einen Moment Überraschung in seinem Blick breitmachte.

Es dürfte Vito, dreissig, grossgewachsen und der «neuste neue Besen in St.Moritz» (Focus-Magazin) sowie Freund von Heidi Klum, nicht oft passieren, dass ein Journalist kommt, um nicht ihn zu treffen, sondern Bob Cola­cello, siebzig, einen Kopf kleiner und sein Auftragnehmer.

Robert Colacello ist ein amerikanischer Buchautor und Journalist und seit neustem nebenbei Kurator: Er hat die Ausstellung mit Namen «The Age of Ambiguity», die bis März in Schnabels Galerie zu sehen war, zusammen­ gestellt. Gezeigt wurden Werke von The Bruce High Quality Foundation, Sterling Ruby, Jeff Koons, Jean­Michel Basquiat oder Andy Warhol.

Einigen Lesern dürfte Colacellos Namen kein Begriff sein – sein Kreis ist die sogenannte obere Gesellschaft, dort kennt er die Leute. Und, vor allem, die Leute kennen ihn. «Bob, was läuft in St.Moritz?», fragte ich. «Oh, ah; Aby Rosen ist hier, ich bin befreundet, auch mit seinen Kindern. Dascha ist ebenfalls hier. Und heute gab’s ein Essen bei Lord Foster und Elena, in der Chesa Futura ...» Aby Rosen ist ein New Yorker Immobilienunternehmer und Kunstsammler, ursprünglich aus Frankfurt. «Dascha» ist Daria Schukowa, eine russische Modedesignerin, Kunstmäzenin und die Freundin von Roman Abramowitsch. Norman Foster ist der Architekt aus London, Elena Ochoa seine Ehefrau und die Chesa Futura das von Foster entworfene Haus, das aussieht wie ein Kürbis auf Stelzen.

1970 lernte der damals 23­jährige Colacello Andy Warhol kennen, nachdem er eine Kritik über einen Film des Künstlers veröffentlicht hatte. In den folgenden dreizehn Jahren arbei­tete er für Warhol – als Autor und eine Zeitlang als Chefredaktor von dessen Zeitschrift Interview. Vor allem aber organisierte er Andys gesellschaftliches Leben. Was, wie Colacello in seiner lesenswerten Warhol­-Biografie «Holy Terror» (Vintage Books Edition, New York 2014) auf fast 700 Seiten schreibt, eigentlich eine Vollzeitstelle gewesen sei. Denn der Künstler sei zwar ehrgeizig gewesen in fast al­lem, was er tat, besonders was sein Vordringen in die feine Gesellschaft New Yorks betraf, im Grunde aber scheu, in sich gekehrt sowie maulfaul. Er habe an Partys oder während Abendessen nicht viel mehr gesagt als: «Ah», «Oh», «Really?» oder «Geez ...»

Bob verbrachte Kindheit und frühe Jugend in Plainview, Long Island, zirka fünfzig Kilo­ meter entfernt von Manhattan. Später studier­te er Filmkritik an der New Yorker Colum­bia-­Universität. Dies qualifizierte ihn im Grunde für die Mitarbeit und Leitung von Inter/View – a Monthly Film Journal, wie die Film­fachzeitschrift Andy Warhols am Anfang hiess. Doch seine entscheidenden Voraussetzungen: Mit seinem guten Gedächtnis konnte er sich merken, wer was sagte an Partys oder während Dinners; «Bob ist mein Aufnahmegerät», habe Warhol gesagt. Zudem habe er, Bob, hübsch ausgesehen, habe tanzen können und sei im­mer freundlich gewesen. Sowie bereit, all­ abendlich auszugehen, grössere Mengen Al­kohol und verbotene Drogen zu konsumieren und, wichtig, dennoch in der Lage, am Morgen danach pünktlich in Warhols Factory einzu­treffen und zu arbeiten. Zu einem Lohn von 125 Dollar (500 Franken) in der Woche.

«It’s a dirty job, aber einer muss ihn machen», könnte man sagen. Und der eine war Bob. Bis er’s – den Job und, mehr noch, Warhol – nicht mehr ertrug. «Andy war ein Genie. Aber nahe mit einem Genie zusammen zu sein, hat einen Preis. Er war zu hoch für mich», sagt Colacello. Der bald eine neue Stelle fand: bei Vanity Fair. Als Sonderkorrespondent der New Yorker Zeitschrift für die Berichterstattung über die feine Gesellschaft und das oft unfeine Tun und Lassen ihrer Mitglieder.

In dieser Funktion reiste er die vergangenen drei Jahrzehnte um die Welt. Was für Ermü­dungserscheinungen sorge, sagt er. Und er ist sich bewusst, dass er auf hohem Niveau jam­mert. «Ich sehe meine Freunde gern. Doch es ist anstrengend, auszugehen, weil es in einem gewissen Sinn eine Performance ist.» Er meint damit, er müsse jederzeit ein guter Zuhörer sein und auf der anderen Seite ein ebenso gu­ter Erzähler spannender Geschichten über Be­rühmtheiten. «Bob ist interessiert an Politik, Gesellschaft und Kultur. Er kennt viele Ge­schichten und kann grossartig Leute nach­machen, ohne jemanden blosszustellen», sagt Matthias «This» Brunner, der ihn über seinen verstorbenen Partner Thomas Ammann, ne­ben Bruno Bischofberger einer der wichtigen Händler von Warhols Werken, kennenlernte.

«Ergebnis des Feminismus»
Während Journalisten in den vergangenen Jahren wegen sinkender Budgets von Verlagen und steigender Ansprüche von Verlegern sowie Anzeigenkunden ihre Jobs verloren haben oder unter verschlechterten Bedingungen verrich­ten müssen, machte Bob Colacello eine andere Entwicklung das Berufsleben schwer: Die Society­Ladys, die alten Millionärsgattinnen und grossen Gastgeberinnen, starben weg. Und mit ihnen die Tradition der teuren Galadinners und aufwendigen Bälle in Stadthäusern und Hotels sowie der mehrwöchigen Frühlings­, Sommer­, Herbst­ und Winterferien in den Alpen, an mediterranen Stränden und auf Jachten. Worauf der Bedarf an witzigen, geistreichen Hommes de Lettres als Unterhal­ter ohne Lohn, nur mit Kost und Logis bezahlt, sank. «Junge Frauen sehen nichts Attraktives an der Rolle einer hostess», sagt Colacello. Sie wollen selber Karriere machen, auch wenn sie einen reichen Mann und Familie haben, «ein Ergebnis des Feminismus».

Also fand er ein anderes journalistisches Be­tätigungsfeld: Königshäuser und Adelige. Er beschrieb etwa, wie Juan Carlos, damals noch König von Spanien, auf einer Safari im süd­lichen Afrika einen Elefanten totschoss und sich mit diesem fotografieren liess. Und wie bekannt wurde, dass Juan Carlos von einer «attraktiven, blonden, deutschen Geschäfts­ freundin» (spanische Journalisten über Corinna zu Sayn­Wittgenstein) begleitet wur­de. Und dass das alles passierte, während die meisten Spanier unter der schärfsten Wirtschaftskrise seit dreissig Jahren litten. Bob be­richtete, wie er das meistens tut: auf vielen Sei­ten (in diesem Fall etwa zwölf in einer Vanity Fair-Ausgabe von 2012), redundant und ohne Stellung zu nehmen, das liess er andere tun – eine Reihe niedriger spanischer doñas und condesas, die meinten, Juan Carlos’ Benehmen sei schon in Ordnung für einen König und Volks­helden. Juan Carlos, sagt Colacello, habe sich bei ihm bedankt für den «fairen und ausgewo­genen Artikel», nachdem er zuvor keinen Aus­tausch mit ihm gehabt habe. Was für andere Schreiber einem Angriff auf ihre Berufsehre gleichkäme, nimmt er als Kompliment: «Ich schreibe keine Lobhudeleien, aber ich will auch niemanden runterreissen.»

Das war die gute Nachricht für Bob. Die schlechte: Ein König und Schwerenöter wie Juan Carlos ist ein seltener Glücksfall. Monar­chen von heute sind eher modern und daher besorgt um das wenige, was übrig ist von ihrem Ruf. Sie geben also kaum Storys her. Kommt dazu, Zugang zu Königen zu gewin­nen, ist für einen commoner, einen gewöhnli­chen Menschen, schwierig, sogar für Colacello; Juan Carlos, der Journalisten Briefe schreiben lässt, war auch da die Ausnahme. Weshalb Bob beispielsweise in der letzten Vanity Fair-Ausga­be ein Porträt von David Linley veröffentlicht. David wer? Linley, auch wenig bekannt als zweiter Earl of Snowdon respektive als ein Neffe von Königin Elizabeth. Der Mann, ne­benbei, ist Möbeldesigner von Beruf.

Seit kurzem hat Bob eine neue Karrierechan­ce ergriffen. Eine, die auf seiner ersten beruflichen Stellung fusst, darauf, dass er Warhol kannte und Einblicke in die Welt der Kunst und das Geschäft mit ihr gewann: kuratieren und beraten. «Denn: Vito Schna­bel beeindruckt viele Leute. Und er hat eine hohe Meinung von mir – ich beeindrucke ihn also irgendwie», sagt Bob und staunt da­bei selber ein wenig. Darum wird auf die Ausstel­lung in Vitos Galerie in St. Moritz eine weitere Zusammenarbeit folgen.

Und darüber hinaus, sagt Bob, wird er ein Buch über die Jahre des Ehepaars Reagan als Präsident und First Lady schreiben (in «Ronnie and Nancy: Their Path to the White House – 1911 to 1980» hat er ihren Weg dorthin bereits beschrieben). Das sei er Nancy schuldig, sagt er, seiner lieben Freundin aus der guten alten Zeit – der Zeit, die es nicht mehr gibt.

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