MARK VAN HUISSELING über...

DJ ANTOINE

Er ist der vielleicht bestverkaufende Schweizer Produzent elektronischer Musik. Das reicht ihm nicht mehr.


Dj Antoine Artikel
Tierpfleger im Zoo: DJ und Popstar Konrad, 42, Postgalerie Karlsruhe, 25. März 2017 (Bild: Nathan Beck für die Weltwoche).

An einem Abend im Juni war die Welt nach Oberwil gekommen respektive gefahren – mehrere Bentleys parkten vor einem ortsüblich unauffälligen Haus. Vor dem Eingang lag ein roter Teppich und befand sich eine Fotowand mit Reklameaufschriften. Das Haus, bei dem es sich um den frischrenovierten ehemaligen Polizeiposten handelt, gehört dem wahrscheinlich berühmtesten Neuzuzüger: Antoine Konrad. Der Discjockey, Musikproduzent und, neuerdings, Lifestyle-Unternehmer verlegte seine Büros dorthin. Und während im fünf Kilometer entfernten Basel die Art, die wichtige Kunstmesse, stattfand, lud er Gäste in seine Pop-up Gallery «Backstage». Um ihnen Art und Kulinarik auf hohem Niveau zu bieten, stand im Einladungstext.

Das Abendessen im Garten begann gegen 22 Uhr – was es wohl zum spätesten Dinner des Quartiers machte. Weniger, weil es fashionably late sein sollte, mehr, weil die Showblocks, die zuvor stattfanden, ihre Zeit gedauert hatten – erst wurden Gemälde eines ungarischen Künstlers mit Namen Attila Adorjan vorgeführt, die der Gastgeber für zirka 10 000 Franken je Bild verkauft; danach Uhren von Carl F. Bucherer, deren Markenbotschafter der Gastgeber ist, schliesslich wurden verschiedene Sorten von Konrad Wines degustiert, die der Gastgeber vermarktet.

Egal, die Nacht war jung, die Gäste fühlten sich ebenso (darunter Sébastien Le Page, dem der Polo Park & Country Club in Seuzach gehört; Karin Lanz und Aurélie Sulzer (Ex-Wolfensberger), die früher oft in Zürich ausgingen, oder Francesco Ciringione, Verleger von Gratiszeitschriften in Muttenz); Champagner und «Le Roi des Caves»-Rotwein von Konrad Wines flossen; knuspriger Entensalat, Madagaskar-Crevetten oder «Black Angus Prime Beef» vom Restaurant «Hato» aus Zürich schmeckten. Bei den Tischen, nebenbei, parkte ein weiterer Bentley; die Autos waren von einem Händler aufgestellt worden.

Doch was kein Thema war während des ganzen Events, war Musik. Nicht mal einen Hinweis auf Antoines neuste Produktion und nächsten möglichen Hit («Du und Ig» von Alex Costanzo & Ant1, am 14. Juli erschienen) gab’s.

Antoine «DJ Antoine» oder «Ant1» (gesprochen «Ant-one») Konrad ist der international erfolgreichste Schweizer Musikproduzent. Sagt er. Was nicht nahelegen soll, die Aussage stimme nicht. Sie lässt sich bloss schwer prüfen – Tonträgerverkaufszahlen sind wegen Musik-Downloads nicht mehr sehr aussagekräftig, Projekte mit anderen Musikern, Live- Shows et cetera machen die Geschichte noch unübersichtlicher. Gesichert ist, dass Antoine in unserem Land zuvorderst dabei ist im Geschäft mit elektronischer Musik. Zudem über die Landesgrenzen hinaus gefragt: Im Sommer tritt er jedes Wochenende in Italien, in Rimini zum Beispiel, oder Spanien, Lloret de Mar etwa, auf, wo auch Schweizer Ferien machen. In den vergangenen rund zwanzig Jahren hat er etwa dreissig Alben herausgebracht und dafür über siebzig sogenannte Gold- Awards (Auszeichnung für hohe Verkaufszahlen) bekommen, genau kann er das selber nicht sagen, ohne zu recherchieren.

Ein halbes Dutzend Flaschen Dom Pérignon
Dennoch diversifiziert er seit einiger Zeit: als Lifestyle-Unternehmer – er hat dazu die Firma Konrad Lifestyle Holding gegründet – und als Anleger in Immobilien. Den Handel mit Kunst und Möbeln sowie Wein sieht er als «voll seriösen Zukunftsplan», aber auch als «voll lässig». Er bietet beispielsweise Inneneinrichtungen an; er hat sich dafür mit Theo Eichholtz, einem niederländischen Interior-Designer, zusammengetan. Und er kooperiert mit Weinproduzenten, die für ihn «Limited» und «Premium Editions» herausbringen, um deren Verkauf er sich dann kümmere. Zur Hauptsache gehe es darum, dass Kunden ein Stück seines, Antoines, Lifestyles kauften. Wie bei jeder Marke also. Und er sagt, dass die Musik für ihn zwar noch nicht ausgespielt habe, er wolle bestimmt noch mal fünf Jahre Gas geben, «aber mit fünfzig oder sechzig will ich nicht mehr regelmässig DJ sein».

Mit 42 aber, so sieht’s aus, hat er noch Spass am wochenendlichen Leben eines DJs. In einer Samstagnacht dieses Frühjahrs zum Beispiel war er Headliner einer Party in der Postgalerie, der «Top-Adresse für Erlebnis-Shopping und Freizeitgestaltung» in Karlsruhe (Eigenreklame). Mit kleinem Gefolge – zwei seiner sieben Mitarbeiter – fuhr er in einem grossen Auto, einem weissen Cadillac Escalade, von Basel 200 Kilometer zur zweiten Stadt Baden-Württembergs. In der Backstage, untergebracht in einem 300 Schritte entfernten Bürohaus, lagen ein halbes Dutzend Flaschen Dom Pérignon auf Eis, in seinem rider (Anforderungskatalog für Auftritte) werden zwar bloss drei verlangt – «der Veranstalter war wohl happy», sagt Antoine.

Auf dem Weg zum Veranstaltungsort, der an seinem Wagen vorbeiführte, liess er sich fotografieren mit Passanten (und seinem Auto). In der Postgalerie schliesslich, wo ein DJ die 2000 jungen Besucher unter anderem mit DJ-Antoine-Hits angewärmt hatte, wurde er stufengerecht empfangen – Schreien, Applaudieren sowie Drehen der Körper zum DJ-Pult respektive dem Popstar dahinter. Und er gab dem Publikum, ach was, den Fans, was sie wollten: Hits, ein paar neue Songs, die ähnlich tönen wie die alten, für mich zumindest, sowie eine Show, die den Auftritt vieler Plattenleger übertrifft. Nach kurzer Zeit bereits hüpfte er auf den Umbau der Musikanlage, zeigte seine in allen Farben des Regenbogens schillernden Turnschuhe sowie den Rest von sich selber. Dann warf er den Tanzenden DJ-Antoine-Mützen und -Leibchen mit Autogramm darauf zu wie ein Tierpfleger den Seehunden im Zoo Fische, nachdem diese Kunststücke vollbracht hatten.

Mehr noch als mit Musikveröffentlichungen ist er mit Auftritten reich geworden. Sagt wiederum er, aber nicht nur er. In der Zeitschrift Bilanz stand, er habe schätzungsweise fünf bis zehn Millionen Franken Vermögen, an anderer Stelle, er verdiene 500 000 Franken jährlich. Beides kann nicht stimmen – entweder ist das Einkommen höher oder das Vermögen niedriger. Sonst hätte er keine Steuern zahlen und fast nichts zum Leben ausgeben können. Was bei ihm, obwohl er sich als «Pionier des Sich-sponsern-Lassens» in der Schweiz bezeichnet, nicht ins Bild passt. Und er hätte zudem mindestens so gut wie Warren Buffett investieren müssen ...

Er sagt, er verdiene rund 20 000 Franken je Auftritt (Quelle: Die Zeit). Das scheint, verglichen mit Gagen von DJs, die diese offenlegen, ein sehr hoher Betrag. Auch rechnerisch geht’s schwer auf, wenn man etwa die Show in Karlsruhe nimmt, wo die Einnahmen aus 2000 Eintritten zu 15 Euro, was ein in Europa üblicher Preis ist, 30000 Euro erreichten. Meine entsprechenden Fragen beantwortete er ausweichend, zum Einkommen sagte er: «Das wetsch gärn wüsse» (wir sind miteinander bekannt; ich habe für ihn Kommunikationsdienste geleistet). Und die Bilanz-Vermögensschätzung war ihm zu tief – «Sagen wir: Es dürfte ein bisschen mehr sein».

Er wollte einen Edelstein
DJ Antoine und das Geld – untrennbar verbunden wie Joseph S. Blatter und Korruption. Zum einen, weil sich über seine Musik nicht so viel schreiben lässt. Er macht Electronic Dance Music, und EDM ist die kommerziellste Stilrichtung der elektronischen Musik. Profikritiker urteilen meist streng über sein Werk, weil es ihnen zu flach, zu berechnet beziehungsweise zu stark auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des Geschmacks der Masse ausgerichtet ist. Was möglicherweise zutrifft, aber unoriginell ist. Wie wenn man Helene Fischer vorhält, PJ Harveys Œuvre sei künstlerisch interessanter und die alternative Rockerin ohnehin cooler als die Schlagersängerin. Da gibt sich Antoine schmerzfrei. Seine Produktionen seien handwerklich top, argumentiert er. Und zweitens: «Wenn du kommerziell erfolgreich bist, aber die gewisse Coolness, die Daft Punk oder Pharrell Williams haben, nicht hast, wirst du die auch nie bekommen. Das zu ändern, wird dir nicht gelingen» (Quelle: Weltwoche).

Doch der Hauptgrund dafür, dass es zwingend um Geld geht, wenn’s um ihn geht, ist seine Art der Selbstdarstellung. Diese erinnert mehr an afroamerikanische Rapper als an Schweizer oder, mangels genügend solcher, europäische EDM-Produzenten.

Er wuchs im Basler Bruderholz-Viertel auf, in einfachen Verhältnissen, sagt er, im gemieteten Reihenhüsli; der Vater war Hochbauzeichner, die Mutter bilanzsichere Buchhalterin. Antoine absolvierte das KV in einer Speditionsfirma, arbeitete danach ein Jahr für eine Werbeagentur und machte sich selbständig mit neunzehn. Er war schon als Junge beeindruckt von Reichtum und grossem Auftritt; früh war er auch grossgewachsen – er misst 1,95 Meter –, doch auf grossem Fuss leben konnte er noch nicht. Mit achtzehn durfte er sich was wünschen, hatten die Eltern doch der Schwester, die Blockflöte spielt und Musiklehrerin wurde, die längste Zeit Instrumente und Lektionen bezahlt. Er wollte einen Edelstein, den grössten, den’s gab fürs Budget. Heute hat er eine Sammlung, versteht was von Steinen und spricht viel darüber. Bevorzugt über Schnäppchen, die er zum Beispiel im Mittleren Osten mache, sagt er.

Auch seine anderen Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Wer zu den 60 000 Leuten gehört, die ihm auf Instagram, einem sozialen Netzwerk, folgen, erfährt, was er treibt – Bilder zeigen ihn entweder glücklich oder nachdenklich, oft eine Zigarre oder ein Glas Champagner haltend, am Pool seines Landhauses im Burgund oder in irgendeiner VIP-Lounge irgendwo. Die Bildunterschriften verbreiten Botschaften wie «Es ist ein toller Tag», «Meine Stimmung heute: loco [verrückt]» oder «Gott, wie gut’s mir geht und was ich alles hab – danke» (er glaube an Gott, sagt er). Manchmal sieht man auch seine Freundin, Laura Zurbriggen; mit dem neunzehn Jahre jüngeren Model/der Modeverkäuferin aus Zermatt ist er seit zirka zwei Jahren zusammen; sie wohnen getrennt – er in Therwil, sie in Bern. Oft sieht man sie allerdings nicht – «Ant1» ist der Star seines Films, und in dem gibt es keine zweite Hauptrolle. Was marketingtechnisch vermutlich richtig ist. Ihn aber nicht sympathischer macht. Mit seinem Sohn Sebastian, der bei der Mutter lebt und sich bereits für modische Kleidung und teure Uhren interessiert, verbringt er regelmässig Zeit; Sebastian findet, sein Vater sei eine Riesennummer, hat er mir gesagt während eines Dinners. Also hat der auch in dieser Beziehung was richtig gemacht – der Sohn ist siebzehn.

Naheliegender Schritt
Antoine beansprucht es für sich, im Mittelpunkt zu stehen. Wenn er niest und ihm keiner aus dem Gefolge «Gesundheit» wünscht, sagt er, leicht verschnupft, «Merci» ins Stille. Er sieht sich als stilsicher, stilprägend wohl sogar. Drum ist der Schritt zum Lifestyle- Unternehmer, der sich und seine Welt als Marke weiter kommerzialisieren kann, ein naheliegender. Für ihn wenigstens. Connaisseur und Geniesser Konrad will in Zukunft mit Kunst, Möbeln, Wein und seinem Eventlokal, in dem auch seine Büros sind, mehr Geld verdienen. Weitere Betätigungsfelder können und sollen dazukommen. Seine Kunden sind idealerweise reich. Was im Grunde die richtige Zielgruppe ist; Antoine zielte schon als DJ immer dorthin, wo was zu holen ist.

Das waren allerdings nicht Reiche, sondern das war die Masse. Drum kann man, was seine Zweitlaufbahn angeht, zu Zweifeln neigen: darüber, ob die neue Potenzialkundschaft seinen Lifestyle so sexy findet wie er, beispielsweise. Dass er ein Vorbild ist für Junge, die aufsteigen wollen, ist leicht vorstellbar; Leute, für die mehr mehr ist, beeindruckt er sicher. Doch für die, die schon älter und weiter oben sind, werden andere Werte begehrlicher. Wenn der leise Auftritt den lauten schlägt, wenn Luxus ist, nicht anschreiben zu müssen «Vorsicht: teuer!», dann ist Antoine Konrad nicht der erste Anbieter, der einem in den Sinn kommt.

Ob er bald nach Zürich ziehe, wo die Dichte von Reichen und möglichen Kunden seines Lifestyle-Unternehmens am höchsten sei, fragte ich ihn, als wieder ein Oberwiler bei den vor seinem Bürohaus geparkten Bentleys stehen blieb und über den Zaun in den Garten sah, wo scheinbar Bewohner der grossen Welt an langen Tischen sassen, fine Asian cuisine assen und Champagner tranken. «Ich muss nicht nach Zürich ziehen, ich bin angekommen», antwortete er. Man kann ihn sich auch mit fünfzig oder sechzig noch als DJ vorstellen, mit diesem Selbstbewusstsein.

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