MARK VAN HUISSELING über...

IBIZA

Kann eine Insel ertrinken? Möglicherweise schon: im Meer, falls die Landmassen, wie im Fall der Malediven, nur Zentimeter über den Wasserspiegel ragen. Und im Mehr? Die weiße Insel wird es zeigen.

Ibiza Artikel
Dalt Vila, Ibizas Altstadt hinter der Stadtmauer – und mit Eintrag auf der Unesco-Welterbeliste (Bild: Marc Wetli).

An einem frühen Donnerstagabend im August befanden sich 50 junge Leute auf der Rückfahrt von Formentera. Als der gecharterte Katamaran die Bucht vor dem Hafen Ibizas erreichte – man konnte schon die Altstadt sehen, über der die untergehende Sonne ihr rötlich-goldenes Licht verbreitete –, da erkundigte sich die schweizerisch-russische Schönheitskönigin, wo die schicksten Boutiquen seien. Weil der Investmentbanker, der sie eingeladen hatte, noch den versprochenen Shoppingtrip schuldig war nach dem Ausflug auf die Nachbarinsel. Doch keiner konnte die Frage zu ihrer Zufriedenheit beantworten. Die Ortskundigen wussten Bescheid über feine Restaurants, nette Plätze, gute Clubs ... aber schicke Boutiquen? Man einigte sich darauf, solche gäbe es eigentlich nicht, höchstens ein paar Geschäfte für lässige Insel-Mode.

Das ist weniger als zehn Jahre her, und inzwischen wäre das alles einfacher. Im neuen Hafen Marina d’Eivissa etwa gibt es Läden von Stella McCartney, Ermanno Scervino oder Philipp Plein, bald soll der erste Louis-Vuitton-Ableger kommen. Und am Rand des alten Hafens öffnete diesen Sommer die erste Rolex-Boutique der Insel. Das sogenannte Trading-up, also die bewusste Anhebung des Preisqualitätsniveaus, ist voll im Gang.

Auch die Besucherzahlen steigen. In den vergangenen drei Jahren reisten jeweils circa 15 Prozent mehr Touristen auf die Pityusen-Inseln, zu denen Ibiza, Formentera und ein paar unbewohnte Felsen gehören. Diese Saison (Mai bis Oktober) dürften es wohl drei Millionen sein. Die meisten davon Spanier, gefolgt von Deutschen und Briten, zunehmend auch Amerikaner, Russen, Chinesen.

Ibiza ist cool, chic, sexy
Ibiza liegt 90 Kilometer entfernt vom Festland bei Valencia und gilt als sicheres Ferienziel. Was das Wetter betrifft wie auch die persönliche Sicherheit. Und ist von jeder deutschen Metropole aus in spätestens zweieinhalb Stunden nonstop erreichbar. Außerdem gefällt die Landschaft, wenn sich die Flora sommers auch recht verdorrt präsentiert. Und das Mittelmeer bezaubert an über hundert Stränden mit Farben, wie man sie in der Karibik erhofft.
Das ist die halbe Miete für Hotels (Doppelzimmer in guten Häusern ab 400 Euro/Nacht) oder Ferienhäuser (ab 3000 Euro/Woche) wert. Die andere Hälfte zahlt man für Dinge, die man nicht anfassen kann – für Erlebnisse, für Feinstoffliches sozusagen. Ibiza ist cool. Chic. Sexy. Wer im Büro fallen lässt, er fahre hin, macht eine Ansage ohne Worte: „Ich bin am Puls.“ Mehr noch: ein Kenner, Genießer, ein Hedonist sogar.

Dass was los ist, weiß auch, wer noch nie dort war: die größten, angesagtesten Clubs mit den bestverdienenden DJs. Und natürlich schöne Frauen (Models), berühmte Männer (Schau- oder Fußballspieler) oder wenigstens reiche Unternehmer. Und auch wer nicht in dieser Klasse boxt, bekommt, womit er sich während der besten Tage des Jahres noch besser und größer fühlt – oder denkt jemand, wenn von der weißen Insel die Rede ist, an das Meersalz, das in den Salinen im Süden gewonnen wird? Für Würze sorgt ein anderer, leicht verfügbarer Stoff. Möglich machen’s mediterran-duldsame Polizisten. Und dafür, dass auch sonst alles no problema ist, wenn man einen draufmachen will, sind Ibizencos, Einheimische, zuständig, die nichts Böses in wildem Treiben erkennen. Stattdessen den steigenden Preis ihrer um- und ausbaufähigen Ziegenställe zu schätzen wissen. Landhäuser unter eineinhalb Millionen Euro, Stadtwohnungen unter einer Dreiviertelmillion sind längst Schnäppchen.

Ibizas König verkaufte sein Reich: die Pacha-Gruppe. Er glaubt nicht mehr an die Insel
Im „Calma“ in Marina d’Eivissa (Ibiza heißt auf katalanisch Eivissa) bestellt der Gästebetreuer des nahen Restaurant-Cabarets „Lio“ Multivitaminsaft und Espresso. Das Helden-Frühstück. Es ist 17 Uhr, und Ulises Braun erzählt, er habe vorhin einem Schweizer, der heute Nacht Geburtstag feiern wolle, einen Tisch organisiert, für acht Personen. Zufrieden und stolz blickt er auf Dalt Vila, die Altstadt hinter der Stadtmauer – und mit Eintrag auf der Unesco-Welterbeliste –, am gegenüberliegenden Ufer der Bucht.

Was daran außergewöhnlich sei? Nun, im Augenblick stehen 450 Namen auf der „Lio“-Warteliste, jeden Abend; es ist ein Mittwoch im Juni. Herr Braun sagt: „Im Juli und August werden es doppelt so viele sein.“ Das ist die Ordnung am Tisch, an dem die Welt sitzen will. Um Cigalas, Krebse aus dem Meer vor der Insel, zu essen. Und Tänzerinnen sowie Tänzer in bunter, knapper Unterwäsche bei ihrer Show zu sehen. Und minimum 250 Euro pro Kopf liegen zu lassen, ohne Trinkgeld.

Ibiza ist seit einem halben Jahrhundert auf der Vergnügungslandkarte – erst als Ziel der Hippies, ab den 1970ern dann des sogenannten Jetsets. Doch die längste Zeit hieß es, Saint-Tropez komme bei Reichen besser an, Porto Cervo habe mehr Klasse et cetera. Auf Ibiza fehle ein Ort, wo man sich sehen lassen und gesehen werden könne. Auch sei’s mühsam, mit der Jacht anzulegen, jedenfalls mit einer großen. Das „Lio“ änderte das. Es ist nach vorn zum Meer offen; ein Restaurant mit Laufsteg und Pool und eine prima Bühne für alle, die nicht dort arbeiten. Man kann im Ferrari oder Lamborghini, der bisher wenig taugte, weil Lokale oft nur über Staubstraßen erreichbar sind, fast bis an den Tisch fahren. Damen kommen auf hohen Absätzen und teuer geschmückt. Von den besten Tischen kann man sein Boot sehen. Oder umgekehrt.

Das Restaurant gehört zur Pacha- Gruppe, diese besteht aus Hotels und, zur Hauptsache, den Nachclubs gleichen Namens; im „Pacha“ auf Ibiza wird seit 1973 getanzt, als gäbe es kein morgen. Oder jedenfalls keinen Morgen, der um 6.30 Uhr anbricht und so strahlend frisch ist, dass man sich ein wenig schämt, hungover zu sein (Afterhour-Partys sind seit einigen Jahren verboten). Der Gründer, Ricardo Urgell, gilt als Inselkönig. Allerdings ist der 80-Jährige seit Kurzem ohne Reich. Er hat die Mehrheit seines Unternehmens verkauft, an die amerikanische Beteiligungsfirma Trilantic Capital; angeblich für 350 Millionen Euro.
Nüchtern betrachtet, ist diese Summe schwer belegbar. Ähnlich wie die Sage, wonach es sich beim der Insel vorgelagerten Felsen Es Vedrà um ein Überbleibsel von Atlantis handle, auf dem Ufos landeten und von dem mystische Kräfte ausgingen. Die Pacha-Gruppe jedenfalls verdiente 2015 circa elf Millionen Euro – es würde also länger als 30 Jahre dauern, bis die Amerikaner ihr Geld zurückholen.

Wo die Dealer sind, wohnt das Geld
Er habe verkauft, weil er keine Luft mehr erkennen könne für weiteres Trading-up, sagte Ricardo Urgell. Er führte 800 Euro Mindestverzehr für postkartengroße Vierertische ein. 800 Euro, nebenbei, die gerade für eine gewöhnliche Flasche Wodka und ein paar Red Bull reichen. Oder nicht ganz für zwei Flaschen des günstigsten Champagners. Urgell sagt: „Ich glaube nicht an das reiche Ibiza.“

Das tut dafür der andere Inselkönig, ach was, Inselkaiser – Abel Matutes, 75. Der Politiker war vier Jahre lang Spaniens Außenminister, heute gehören dem Multimillionär Reedereien, Hotels, Clubs – darunter das „Privilege“, laut Guinnessbuch die größte Disco der Welt –, Restaurants und die wichtigste Baufirma der Insel. Man zählt ihn zu den einflussreichsten Persönlichkeiten Ibizas. Und das ist euphemistisch. Mit seinen Musikhotels „Ushuaia“ und „Hard Rock“ hat er den früheren Bettenburgen-Strand Playa d’en Bossa zwischen Ibizas Neustadt und Flughafen zum Reiseziel für Mehrbezahler gemacht. Ein Indiz für wohlhabende Gäste sind die Dealer und Zuhälter vor dem Hotel.

Magie des bedrohten Paradieses
Neuester Coup des alten Mannes: Er schloss das „Space“, den größten Club am Strand. Nächstes Jahr soll es in San Antonio wiedereröffnet werden – als teures Musikhotel. Noch lehnen Politiker zwar das Vorhaben ab, weil es genug Unterhaltungsangebote gäbe. Das stimmt. Aber bisher hielt das den Inselkaiser nie davon ab, sein Imperium zu vergrößern.

Zurzeit gilt: Mehr ist mehr. Mehr Touristen, die mehr Kohle in immer teureren Clubs, Restaurants und Hotels raushauen wollen. Und können. Ein Club-Eintritt kostet circa 80 Euro, ein Drink ebendort 15. Im „Heart“, dem Gourmet-Restaurant des „Gran Hotel“, zahlt man für ein Dinner, zubereitet von Superkoch Ferran Adrias Lehrlingen, 300 Euro ohne Getränke; im „Cipriani“ kann man für Pasta (Rigatoni à la Bolognese) 50 Euro ausgeben. Das „Nobu Hotel Ibiza Bay“ verlangt für das lange Wochenende mit Meerblick 7500 Euro ... Kann eine Insel ertrinken? Möglicherweise schon: im Meer, falls die Landmassen, wie im Fall der Malediven, nur Zentimeter über den Wasserspiegel ragen. Und im Mehr? Die weiße Insel wird es zeigen.

Wer solche Gedanken äußert, kommt sich irgendwie albern vor. Wie einer, der sich in die Lichterkette stellt, um zu protestieren, dass nicht mal 100 Kilometer vor Ibiza im Meer nach offenbar vorhandenem Öl gebohrt werden soll. Oder wie einer, der der schweizerisch-russischen Schönheitskönigin, die teuer abshoppen will, weil ihr Beau bezahlt, von kleinen Boutiquen erzählt, die Waren anbieten, die es nur auf der Insel gibt.

Meine Liebesgeschichte mit Ibiza begann vor gut zehn Jahren; inzwischen habe ich mir ein kleines Haus geleistet. Ich mag nicht klingen wie der Sprecher am Ende einer TV-Doku über ein Stück gefährdete Natur. Doch meine bisher schönste Erinnerung war nicht das Abendessen im teuersten Restaurant (Naomi Campbell und Adrien Brody am Nebentisch), nicht der Aufenthalt im privatesten Privatbereich eines Superclubs und nicht die Übernachtung in der Präsidentensuite des edelsten Hotels.

Es war der Augenblick, als ich eines Frühsommermorgens hinaus zu Es Vedrà fuhr – und vielleicht hat’s doch was auf sich mit der Mystik des Felsens? Plötzlich tauchte jedenfalls ein Delphinpaar auf. Es begleitete mein altes Mietmotorboot ein paar 100 Meter. Dann verschwand es wieder unter der glitzernden Oberfläche des tiefblauen Wassers.

Disco-Guide:
die coolsten Clubs auf der Party-lnsel (Quelle: Focus-Magazin)

Amnesia Eine Institution auf Ibiza mit Platz für 5000 Gäste. Berüchtigt ist die Eiskanone, die immer und überall zum Einsatz kommen kann. Gespielt wird Techno, House. Top-DJ: Sven Väth (montags)

DC-10 Lust auf die legendärste Daytime-Party der Insel? Die steigt hier am Montagnachmittag. Dann tanzt die Feiergemeinde zu Techno, Minimal und House

Eden Für Elektro-Spezialisten, denn der Club verfügt über eines der besten Soundsysteme der Insel er eines der besten Soundsysteme der Insel

Heart Gilt als angesagteste Location der Insel. Den Gästen wird auch einiges geboten: von Gourmet-Dinner über Live-Musik, Tanz-Shows bis Clubbing. Auch tagsüber einen Besuch wert bing. Auch tagsüber einen Besuch wert

Pacha Hier legen auch große DJs auf: Steve Aoki, David Guetta, John Digweed, Solomun. Wer mag, kann hier während der Saison jede Nacht durchtanzen

Privilege Gefeiert wird hier jede Nacht mit mehr als 10 000 Gästen. Vom Chill-out-Bereich bis zum Pool bietet der größte Club der Welt alles, was das Party-Tier sich nur wünschen kann nschen kann

Ushuaia Raven unter freiem Himmel kann man nirgendwo besser als hier: zu David Guetta, Avicii, Armin van Buuren und anderen Super-DJs, die regelmäßig auflegen

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