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Mein später Blüher

Unser Kolumnist fährt in das schönste Voralpen-Dorf der Schweiz. Und greift ein in den aktuellen Streit der Feuilletons.

Blick von der Terrasse der Junior-Suite 111 des Gstaad "Palace"; Sonntag, 11. März 2012

Vergangene Woche war ich in Gstaad. Zuerst aber E-Kultur: Ebenfalls vergangene Woche fand im «Kaufleuten» die bisher einzige Lesung von Christian Kracht aus seinem neuen Roman «Imperium» statt. Für Leser, nur kurz, die sich mehr für U- oder Populärkultur plus halbfette Namen interessieren – im Spiegel stand, das Buch sei «durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht», der Schriftsteller ein «Türsteher der rechten Gedanken».

Mit Kracht bin ich ... ich würde gerne schreiben «ein bisschen bekannt», doch das wäre übertrieben. Zwar wurde er mir einmal vorgestellt (auf dem Fest zu dem vierzigsten Geburtstag meines Verlegers, als der noch Chefredaktor der Welt war und in Berlin wohnte, in einer Wohnung, die so gross war, dass man in Zürich dafür zehn Millionen Franken zahlen müsste, falls es solche Wohnungen gäbe). Doch ich brachte es nicht zustande, zu dem Schriftsteller durchzudringen mit Worten (ich versuchte mitzuteilen, dass ich seine Bücher «Faserland» beziehungsweise «1979» gut fand oder dass ich mit Gliedern der Familie Kracht, die in Zürich leben und denen das Hotel «Baur au Lac» gehört, bekannt sei). Er hörte zu, so sah es aus, aber verstand nicht (wie Carl Hirschmann irgendwie); er war in, sagen wir, high spirits, vermutete ich (auch darum hörte ich auf zu reden, was ihm ebenfalls egal war).

Mit Georg Diez, dem Schreiber des «vierseitigen, wütenden» Spiegel-Artikels (Neue Zürcher Zeitung), verband mich eine working relation, als ich noch Weltwoche-Redaktor war; ich bearbeitete einen Artikel von ihm (geschrieben mit Maxim Biller, den ich gern lese, über Hedi Slimane, damals Chefdesigner bei Dior Homme und, ab sofort oder bald jedenfalls Chefdesigner bei Yves Saint Laurent). Der Text war okay, Teile davon jedenfalls, und der Schreiber nicht interessiert an Rückmeldungen beziehungsweise an Änderungsvorschlägen von mir, die die Teile, die ich nicht okay fand, angingen (er war damals bei der Süddeutschen Zeitung – das musste genügen für die Schweiz). Doch das ist in Ordnung und egal für seine Arbeit von heute, Diez ist, möglicherweise, ein late bloomer (wie Ihr Kolumnist).

Die Lesung fand ich recht langweilig. Die Stellen, die Kracht vorlas, waren in der Mehrheit Beschreibungen von Reisenden auf einem Schiff (ich verliess das «Kaufleuten» nach vierzig Minuten, gebe ich zu, verpasste also vierzig Leseminuten oder so, aber, nur zum sagen, ich war nicht einer der ersten, der aufgab - vor mir war bereits ein sogenannter halbfetter Name gegangen). Der Schreiber ist, finde ich, ein ziemlich schwacher Leser. Was nicht schlimm wäre, MvH kann ebenfalls nicht vorlesen (das macht the redhead). Sibylle Berg, die mir auf Twitter folgt, übrigens (und ich ihr, @SibylleBerg), fragte in dem sozialen Netzwerk, ob jemand einen Beitrag habe zu der Auseinandersetzung um das Buch. (@MyMvH: «Männer um Mitte vierzig wollen wichtig sein. Oder relevant wenigstens.») Lustig ausserdem: Man durfte den Schriftsteller, 45, nicht fotografieren, keine Tonaufnahme machen, ihn nicht anreden (finde ich lustig, weil es bei Lesungen von mir – die selten sind, da ich wenig vorzulesen habe –, ein Schild gibt, auf dem steht: «Es ist verboten, den Künstler zu fotografieren.» Was ich nicht ernst meine und kaum einer tun möchte sowieso, denke ich). Rea Eggli, mit der ich bekannt bin und die so etwas ist wie Krachts Agentin in der Schweiz, war die einzige, die voll Verständnis war für die Wünsche des Künstlers, denke ich.

Jetzt in das schönste, in den Voralpen gelegene Dorf der Schweiz, von wo aus man zeitnah Orte zum Wintersporttreiben erreichen kann (für diesen Satz wird im Büro von Saanenland Tourismus wieder streng über Ihren Kolumnisten geurteilt werden - dort möchte man, dass Gstaad als «Skiort» beschrieben wird, was es, in meinen Augen, nicht ist): Das «Palace» in Gstaad ist, in meinen Augen, vielleicht das beste Hotel des Landes (die Junior-Suite mit Nummer 111 empfehle ich), die Bar in der Halle mit Sicherheit die beste, die ich kenne (sich einen Tisch neben dem Kamin geben lassen; ich war Gast der Besitzerfamilie). Zehn Kilometer entfernt, an der Strasse Richtung Aigle (hinter Feutersoey, wo ich im «Rössli» mit Gunter Sachs einmal Forellen essen war), befinden sich Gsteig und der «Bären», ein Hotel/Restaurant von Familie Scherz, der ebenfalls das «Palace» gehört. Es gibt Käsefondue und Raclette vom Feuer oder Rinds-Entrecôte auf heissem Stein (ich empfehle das Entrecôte). Was ich ausserdem empfehle: Ernst Voegelis Reitschule in Gstaad respektive den Ritt nach Grund (bei Gstaad); in wenigen Wochen, wenn der Schnee weg sein wird, wird die Landschaft vielleicht ein wenig weniger Zauber haben, aber immer noch mehr als schön sein, und die Pferde sicherer unterwegs.

Die gute Nachricht aus Zürich Tiefenbrunnen: Am 29. ds. Mts. findet MvHs nächste «Promi Interview Night» statt im «Meylenstein». Es handelt sich dabei um eine sogenannte «After Work»-, nicht um eine «Night»-Veranstaltung (Türe: 18.00 Uhr, Beginn 18.30, Ende 19.30); für Leser dieser Spalte ist der Eintritt gratis (für Nichtleser ebenfalls). Dieses Mal mit Gaststar Claudia Lässer.