Mein Adler
Unser Kolumnist beendet das Jahr am üblichen Ort, aber anders. Ausserdem erzählt er von einem lieben Zeitvertrieb.
St. Moritz in der Nacht (vom «Carlton» aus gesehen).Vergangene Woche war ich in St. Moritz, ich wohnte im Hotel «Laudinella» (Stamm- sowie Genaulesern dieser Spalte fällt auf: Die Worte «ich war Gast im . . .» respektive «Gast von . . .» kamen nicht vor). Das «Laudinella», sagte Hotelier Felix Schlatter, werde auch das «andere St. Moritz» genannt. Normalerweise wäre das für MvH ein Grund, nicht hinzufahren – er will nicht «anders» reisen, essen, schlafen, irgendetwas, sondern genau die Dinge bekommen, für die ein Hotel, Ort und so weiter bekannt ist. Doch das «Laudinella» empfehle ich, seit ich im «Kura» (das japanische Restaurant ist das neuste von sieben Restaurants, die zu dem Hotel gehören) gegessen habe, weil der Koch ein Empfehlungsschreiben für den ganzen Betrieb abgab sozusagen: Wenn die Küche gleich gut bis besser ist als anderswo in St. Moritz (und besser bis viel besser als im «Nobu», «Badrutt’s Palace»), die Preise aber halb so hoch sind (oder noch tiefer im Vergleich mit dem «Nobu»), dann ist «anders» in Ordnung. Das «Laudinella», übrigens, ist ein Genossenschaftsbetrieb und das findet man eigentlich nicht gut, wenn man für die Weltwoche schreibt, glaube ich. Doch, wie geschrieben, es ist wahrscheinlich das beste Angebot im Ort.
Die Pisten, ausserdem, waren voll. In das Engadin, so sieht es aus, fuhren dieses Jahr, trotz des für Touristen aus dem Ausland teuren Frankens, nicht weniger Leute, auf jeden Fall nicht zum Skifahren (recht viele davon waren sogenannte neue Russen - sie sind ziemlich ruhig, eher anständig und einigermassen sportlich). Einen anderen Eindruck bekam man im Dorf – zwei Tage vor Silvester zum Beispiel, bei Schneefall zudem, gab es in den Geschäften an der Via Maistra oder Via Serlas fast keine Menschen, ausser Verkäufern (um genau zu sein, in der «Merkur»-Confiserie habe ich Kunden gesehen). Was mich interessiert: ob der neueröffnete Jimmy-Choo-Laden Erfolg haben wird. Ich meine, ich finde es in Ordnung, wenn zum Beispiel Frauen im Hotel nicht die Schlappen, die es dort gibt, anziehen. Doch der Laden ist bloss wenig grösser als eine Schachtel, die man zu den Schuhen bekommt (das war eine Übertreibung, er ist klar grösser als eine Schachtel, doch der Entwurf stimmt). Und das schadet dem Einkaufserlebnis, finde ich.
Wenn wir es davon haben – gibt es noch Leute, die Compact Discs kaufen? Ich glaube nicht. MvH, nur zum Sagen, ist daran umzuziehen (in Zürich). Und weil er seine CD-Sammlung nicht einpacken und wieder auspacken/einräumen möchte, hat er diese zum Kauf angeboten auf Ebay, einer Shopping-Website («zirka 1000 CDs in massgefertigtem Gestell, neuwertiger Zustand; Rock, Pop, Country, World, Film-Soundtracks, Klassik; 1990er Jahre zur Mehrheit; 999 Franken»). Anzahl Gebote: null. Doch weil man nicht sofort aufgibt als Ihr Kolumnist, rief man bei Händlern an, ob sie seine gebrauchten Tonträger kaufen möchten (Rückmeldung: «Wir wollen verkaufen»). Deshalb werden Werke von Two Lone Swordsmen («Stay Down») bis Kurt Weill («Die Dreigroschenoper»; Wilhelm Brückner-Rüggeberg, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin) im Keller des neuen Hauses in Umzugskartons liegenbleiben (unterteilt in Kategorien, innerhalb dieser alphabetische Sortierung beziehungsweise Band- oder Künstlernamen mit Zahlen zuvorderst). Für die, die es interessiert, die drei besten Alben, die MvH 2011 heruntergeladen hat: «Revelation Road» von Shelby Lynne, «The Lost Notebooks of Hank Williams» von verschiedenen Interpreten sowie «Ashes & Fire» von Ryan Adams.
Jetzt zurück auf die Berge. «Schlittler verunfallen schwerer als Skifahrer», stand in der Sonntagszeitung. Ich kann diese Erkenntnis von Mitarbeitern des Spitals Frutigen und dem Notfallzentrum des Inselspitals Bern bestätigen. Ich verunfallte zwar nicht, genau genommen, auf der Schlittenbahn. Doch ein einige Jahre zurückliegender Bandscheibenvorfall (Diskushernie) und Schläge, die man wegen Bodenwellen und Löchern auf/in der Bahn bekommt, vertragen sich nicht. Am Morgen des Silvesterabends stiess der «Adler des Schmerzes» (Copyright: Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner, mit dem ich ein wenig bekannt bin und der, eines der starken Erlebnisse meiner Laufbahn, einen anderen Tisch verlangte im Restaurant «Adnan» in Berlin, als Frank A. Meyer und Udo Walz neben uns platziert wurden) herab und hackte mit seinem Schnabel in meine verwundete Lendenwirbelsäule (L1) sozusagen. Es wäre, natürlich, more manly gewesen, zu erzählen, das sei während eines Cresta Run passiert (1214 Meter lange Natureisbahn mit 157 Metern Höhenunterschied). Aber, immerhin, wird die Strecke Darlux–Bergün als «Lauberhorn der Schlittenbahnen» bezeichnet (Website; ich empfehle die Bahn nicht).
Zum Schluss, weil das Jahr neu ist, News aus St. Moritz: Marc Rich und Dara «former lingerie model» (New York Post) Sowell sollen kein Paar mehr sein.




