Meine Wohltat
Unser Kolumnist geht auf eine Veranstaltung für den guten Zweck. Er schreibt, was «Social Pull» ist – und wer ihn hat in Zürich.
Renata Jacobs mit Kolumnist und «Social Pull», nicht im Bild (Bild: Kevin Hey).Vergangene Woche war ich in Zürich. Eine Veranstaltung für den wohltätigen Zweck fand statt – der erste «Charity Event» von Renata Jacobs für die «Cartoneros y sus Chicos» (dabei handelt es sich um Arbeiterfamilien einer Wiederverwertungsanlage in einem Armenviertel von Buenos Aires). Der sogenannte «Papiersaal» im Einkaufszentrum Sihlcity, nebenbei, der mir im Grunde gefällt, ist ein schwieriges Lokal für Anlässe mit Showeinlage, es fehlt eine Bühne respektive ein Platz, auf der/dem künstlerische Darbietungen (Tango-Tanzpaare, Bandoneon-Konzert) von überall her gut zu sehen sind.
Doch wichtiger als die Tauglichkeit des Raums für einen Charity Event ist die Eignung der Einladenden dafür. Jemand, der wünscht, dass Gäste kommen und zahlen («300 Franken je Person; Empanadas & Tapas, argentinisches Bier und Wein [kein gesetztes Abendessen], nach 22.00 Uhr Barbetrieb [auf eigene Rechnung]», Einladungstext), benötigt, was man social pull nennt. Die Kraft, Leute an ein Fest zu holen, mit anderen Worten. In Zürich, fürchte ich, fallen mir nicht viele Namen ein, von denen social pull ausgeht (Gisela Rich hat ihn, aber sie wohnt nicht mehr in Zürich; Christina Gmurzynska und Mathias Rastorfer bekommen halbfette Namen aus dem Ausland an openings ihrer Galerie, doch das ist, streng gesehen, mehr geschäftlich; Carl W. Hirschmann hatte ihn ebenfalls, aber er ist vor eineinhalb Jahren gestorben). Das Gegenteil von social pull wäre social push - wenn von einem, der einlädt, keine Anziehungskraft ausgeht, sondern, sozusagen, Abstossungskraft. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn man zum voraus Namen von Gästen veröffentlicht. Wer auf seine gesellschaftliche Stellung schaut, geht dann nicht mehr hin, weil er gemerkt hat, dass man mit ihm bloss Werbung macht. (Auf der Liste des Anlasses, den ich vergangene Woche besuchte in St. Moritz, standen etwa die Namen von Heidi Happy, Lea Lu und Antoine «DJ Antoine» Konrad; niemand davon war dort.)
Für Eilige hier und jetzt kurz und schnell: Renata Jacobs, mit der ich ein wenig bekannt bin, hat social pull in Zürich. Obwohl sie ebenfalls nicht mehr hier wohnt. Nach dem Tod ihres Mannes, Klaus Jacobs, der unter anderem Mitbesitzer der Schweizer Firmen Adecco (Personaldientsleistungen) und Barry Callebaut (Schokolade, Kakaoprodukte) war, zog sie nach England. In der Nähe von Oxford hat sie eine Pferdefarm und in Belgravia, in London, eine Wohnung, ausserdem verbringt sie Zeit in Argentinien, wo ihr Land gehört, in Ibiza besitzt sie ebenfalls ein Haus – wer, der so aufgestellt ist, braucht Zürich noch?
Zürich dagegen, könnte mehr Frauen wie Renata brauchen. An ihre Veranstaltung gingen zirka 250 Leute, an einem Donnerstagabend mit Starkregen im Januar, die zusammen ungefähr 120000 Franken ausgaben für den wohltätigen Zweck (darunter Trudie Götz und Heinz Müller, was ein Erfolg ist, weil sie selten an Anlässe gehen; Beat Meyerstein, was auch ein Erfolg ist, obwohl er oft an Anlässe geht, aber ein Lustiger ist und ein wenig mit MvH zusammenarbeitet [meine nächste Promi-Interview-Night im «Meylenstein» in Zürich-Tiefenbrunnnen findet heute Abend statt, Gaststar: Roman Camenzind]; Carole Sauser, die gut aussah, wie eigentlich immer seit ihrer Trennung von Ronald «Ronnie» Sauser, und deren Schuhe die höchsten Absätze des Abends hatten).
Nun Antworten auf zwei Fragen: Darf man als MC («Mistress of Ceremonies») zahlenden Gästen mittels Mikrofon mitteilen, sie sollen ruhig sein, weil andernfalls dem artiste das Bandoneon-Solo nicht gelinge und es eine Respektlosigkeit sei sowieso. Ihr Kolumnist sagt: Man darf nicht (MC und Pferdezüchterin Katrin Kümin sah es anders, und das ist in Ordnung). Zweitens: Bekommt, wer Geld hat, social pull gratis dazu? Bekommt er/sie nicht. Mit social pull ist es wie mit dem it im «It-Girl» – schwer zu sagen, was es ausmacht, schwerer zu sagen, wie man es bekommt (und ganz leicht, scheinbar, Leuten das Gefühl zu geben, sie seien auf dem richtigen Anlass/mit dem richtigen Girl unterwegs, falls man es hat). Renata, auf jeden Fall, kann ein Fest veranstalten, weil sie selber gerne ausgeht. Und nichts mehr macht, was sie machen muss, bloss was sie will. Diese Haltung, nebenbei, ist ein Ziel im Leben von MvH; er ist im Augenblick daran, das zusammen zu bringen, was man dafür braucht und «Fuck you»-Money nennt. Danke, dass Sie ihn - zum Beispiel durch das Weiterverbreiten dieses Newsletters - dabei unterstützen.
Weitere Nachrichten aus Zürich (die schlechte zuerst): Die neue Ausstellung «C’est la vie» (Pressebilder seit 1940) im Landesmuseum (bis 22. April) muss man nicht sehen. Der Gegenstand interessiert, schon klar, aber die Anzahl gezeigter Fotos ist ungefähr so hoch (respektive tief) wie die Anzahl Fotos, die die Weltwoche-Bildredaktion bearbeitet, für eine Ausgabe (und die Weltwoche ist kein Bildmedium).
Die gute Nachricht: Das «Antiquario da Marco» (Giuliani) liegt an der Freiestrasse, im Erdgeschoss eines Mehrfamilien-Wohnhauses, und das liegt nicht am Weg (ausser man ist im Stadtkreis 7 zu Hause). Es handelt sich dabei um eines der besten italienischen Restaurants in Zürich, das ich kenne. Ich empfehle es.




