Ausgabe 06 | 11.02.2010
Vergangene Woche war ich in Genf, nicht wegen eines Anlasses, sondern geschäftlich. Wenn für einen ein Zimmer reserviert ist in der Nähe des Flughafens (in «La Réserve»), dann erwartet man eigentlich nicht, in einem der am schönsten eingerichteten Hotels der Schweiz zu wohnen. (Ich war Gast von Patek Philippe.) Ich bin im grossen Ganzen kein Fan der Baukunst in der Romandie, nebenbei, vor allem wenn es um neuere Häuser geht (zu viel dunkelrote Kunststoffteile, zu viele Aussenansichten in der Farbe von Toilettenpapier). Doch «La Réserve» – ebenfalls dunkelrot zwar – hat mir gefallen: Gelegen in vier Hektar Parkland, Sicht auf den Lac Léman, «New Colonial»-Interior plus eine Hotelbar, in der es an einem Dienstag im Februar nicht bloss zwei Vertreter gibt, die hoffen, eine allein reisende Frau möchte eine Zufallsbekanntschaft machen, sondern fünfzig oder so Gäste, die hinfuhren, um einen schönen Abend zu haben. (Ferner sind Schlaf- und Badezimmer gross und stylish, aber das ist klar in einem Fünfsternehaus; und der Spa ist geöffnet ab 06.00 Uhr.)
Retour in Zürich ging ich an die Vernissage der Galerie Barbarian Art. Keine Angst, es folgt nicht Kunstkritik – es ist wichtig als Kolumnist, zu wissen, was man nicht kann (es folgt, as usual, Gesellschaftskritik; Ausstellung mit Skulpturen sowie Gemälden von Elena Gubanova und Ivan Govorkov, bis 8. März). MvH besucht ziemlich oft Ausstellungseröffnungen. Das sind, in unserer Stadt, fast immer ziemlich langweilige, fast ein wenig traurige Veranstaltungen. Meistens gibt es wenig Gäste, denen man ferner ansieht, dass sie nicht gekommen sind, um Kunst anzusehen oder zu kaufen, sondern wegen des Gratisweissweins und der Blätterteigstangen (oder Erdnüsse). Oft sind zirka gleich wenig Werke an den Wänden und diese schlecht produziert zudem (Knick in Fotografie et cetera). Dabei sagt man doch, Zürich sei eine Galeriestadt irgendwie.
Es gibt, natürlich, Ausnahmen (Zürcher Galerien, deren Chefs ihre Sache gut machen, meine ich) – und zwar zweieinhalb. (Noch einmal, Ihr Kolumnist bewertet nicht Kunst, sondern Vernissagen als gesellschaftliches Ereignis.) Die halbgute ist von Damian Grieder und Melanie Swarovski, seiner Frau (nennt sich Melli Ink als Künstlerin). Grieder Contemporary befindet sich in einem Rockstar-Haus, in dem beide auch wohnen, in Küsnacht bei Zürich. Diese Lage führt dazu, so sieht es aus, dass von den im Grunde vielen guten Namen auf der Liste es manchmal viele nicht zu den Anlässen schaffen. Der Benchmark ist die Galerie Gmurzynska von Krystyna Gmurzynska und Mathias Rastorfer am Paradeplatz. Zu ihrem Opening von Robert Indiana etwa kamen in der Vergangenheit Jacqueline Bisset oder David Carradine (1936–2009).
Dazwischen liegt Barbarian Art von Natasha Akhmerova. Die Galerie im Parterre des «Hochhauses zur Palme» ist grösser und gefällt besser als andere Galerien. Auch die Zahl der Vernissagen-Besucher ist grösser, und einige davon gefallen besser, weil Russinnen sich richtig zurechtmachen, bevor sie ausgehen. Ich bin mit Natasha und ihrem Mann Igor Akhmerov ein bisschen bekannt. (Er ist Gründer der Avelar Energy Group; zuvor war er Finanzchef der Renova Group, Viktor Vekselbergs Firma.) Sie zählen zu den eher wenigen Russen, die well connected sind, und nicht bloss zu anderen Russen. Ich habe sie vor kurzem z. B. in St. Moritz an dem Cocktail von Robert Hersov («schwerreicher Südafrikaner», Financial Times Deutschland, Air-Berlin-Mitbesitzer u. a.) in seinem Haus getroffen. In St. Moritz, nur zum Sagen, muss die Mehrheit der Russen draussen bleiben bei privaten Festen; auch im «Corviglia» will man sie nicht haben, dito im «Dracula». Viele haben nun genug davon und fahren diese Saison nach Courchevel, wo sie umarmt werden, angeblich. Ein Satz noch zu der Galerie de Pury & Luxembourg in Zürich: Früher besuchenswerte Vernissagen, zurzeit höre ich nicht viel (möglich, logisch, dass alles ist, wie es immer war; dass man bloss MvH nicht mehr einlädt).
Zum Schluss acht Zeilen für ein Jahrhunderttalent (so hohes Lob erscheint selten in dieser Spalte, ich weiss): Norah Jones. Anfang Woche sang und spielte sie im «Kaufleuten», in der Mehrheit Lieder ihres neuen Albums «The Fall». Ich empfehle es (und alle anderen Alben von ihr). Wer grosses Glück hat, bekommt sie auf der Bühne zu hören und sehen. |