Warum sich der Mensch dem Star hingibt. Die Ursachen liegen in der Evolution
Von Mark van Huisseling
Auf der "Züspa", einer Industrieschau in Zürich, war in einer Halle ein Studio einer lokalen fernsehenstation eingerichtet. Doch die Besucher gingen achtlos daran vorüber. Das änderte sich schlagartig, als der Moderator sagte: "Jetzt freue ich mich, einen prominenten Gast begrüßen zu dürfen." Mit einem Mal schwärmten Menschen an die Glasscheibe. Sofort also tauschten sie einen Teil der Zeit, die sie für die Begutachtung von Badezimmerarmaturen oder Bewässerungssystemen für Vorgärten reserviert hatten, gegen die Gelegenheit, eine Berühmtheit zu sehen. Und zwar bevor der Moderator verraten hatte, wer der prominente Gast war.
Einige der Schaulustigen verließen die Fensterscheibe sofort nach Sichtung der Prominenz. Andere aber blieben vor der Scheibe selbst dann kleben, als der Moderator den Namen des Gastes genannt hatte. Es handelte sich um eine Person, mit deren Namen die wenigsten etwas verbinden konnten: um mich. Dennoch blieben sie stehen, um den als berühmt, also sozial dominant, angekündigten Gast zu beobachten. Aber weshalb sind wir so begierig, sozial dominante Menschen zu beobachten? Um von ihnen zu lernen und zu erfahren, was sie tun und wie sie es tun, wie sie sich verhalten, agieren, sprechen, gestikulieren, ihr Leben bewältigen. Wir wollen das wissen, um den sozial dominanten Mitmenschen, unseren Führern und Vorbildern, ähnlicher zu werden. Die gute Nachricht dabei: Wir können nichts dafür. Schuld ist die Evolution.
Der amerikanische Neurobiologe Robert Deaner veröffentlichte im Februar 2005 die Resultate seiner Untersuchungen an Affen, genauer: an Rhesus-Makaken. Deaner fand heraus, daß Makakenmännchen bereit waren, einen Teil des Kirschsafts, der ihnen zugestanden wurde, abzutreten, wenn sie sich im Tausch dafür Bilder der Gruppenchefs, der sozial dominanten Tiere also, ansehen durften. Dies, so schließt jedenfalls Deaner, erklärt unter anderem, weshalb Menschen fasziniert sind von Nachrichten über berühmte - und das heißt: erfolgreiche - Artgenossen: Der Drang, mächtige und sozial dominante Persönlichkeiten bei ihrem Erfolg zu beobachten, entstand in grauer Vorzeit, als Menschen in Stämmen knäuelten und die Handlungen ihrer Häuptlinge ihr Wohlergehen direkt beeinflußten. Bloß, wer ist ein Star beziehungsweise ein wie großer Star? Das zu wissen ist entscheidend, damit man seinen Kirschsaft nicht für jemanden hergibt, den zu beobachten sich gar nicht lohnt.
Früher wurde man prominent nur durch Geburt und Abstammung. Die Hervorbringung der sogenannten Leistungsprominenz war insofern ein großer Schritt zur Überwindung der Abhängigkeit der Massen. Der Zeitpunkt, ab dem jemand prominent werden konnte, einzig weil er außergewöhnlich gut dichtete, sang, malte oder die anderen glauben machen konnte, er sei etwas Besonderes, ist der Beginn der Demokratisierung von Prominenz. Wer auf der ganzen Welt erkannt wird und gleichzeitig die Phantasie der Massen erregt, ist also ein Star oder sogar ein Super- oder Megastar. Der erste, der diese Liga aus eigener Kraft erreichte (also nicht nur, weil er Gottes Sohn oder ein eroberungslustiger König war), war wohl Charles Lindbergh. Seitdem haben das vielleicht ein oder zwei Dutzend weitere Leistungsprominente geschafft: Adolf Hitler, Elvis Presley, Marilyn Monroe, John F. Kennedy, Pelé, Michael Jackson, Johannes Paul II. ... Deshalb ist es naiv zu meinen, in einem Buch, wie ich es geschrieben habe, ließen sich konkrete Anweisungen geben, "wie aus Menschen Idole werden" (so ein Titel von "Spiegel Kultur"). Das Buch handelt vielmehr davon, wie sich Menschen, die Idole sind, benehmen. Wie sie sich kleiden, wie sie sprechen, wie sie denken, wie sie handeln. Grundlage für diese Auskünfte sind meine Begegnungen mit 175 mehr oder weniger großen Stars und einigen Superstars. Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß der Kontakt mit Stars ein bißchen abzufärben scheint. (So muß sich das Turiner Grabtuch, das einst den Leib Christi umwickelte, gefühlt haben, wenn es hätte fühlen können.) Ich erzähle, wie Stars sind. Das hilft vielleicht einigen Stars, ein wenig länger Star zu bleiben.
Das klingt fast so, als würde ich annehmen, Stars würden dieses Buch lesen. Doch Stars lesen nicht, grundsätzlich. Höchstens Artikel über sich selbst. Manche tragen zwar Bücher mit sich herum, damit sie - sollten sie "überraschend" fotografiert werden - intellektuell aussehen. Michel Comte zum Beispiel, ein Fotograf, der Mike Tyson und Sophia Loren porträtierte, hatte ein Buch über die Kabbalah dabei - die sehr angesagt ist, seit sich Madonna dafür interessiert -, als er mich zum Interview empfing. Und als er sich fotografieren ließ, hielt er eine Gandhi-Biographie in der Hand. Damit bin ich im Thema: How to be a Star.
Artikel erschienen am 25. Januar 2006 in Die Welt.
|